Wirtschaft : Die Vorstände verweigern den Blick ins Portemonnaie

In der Cromme-Kommission stimmten sie für mehr Transparenz, doch in den Konzernen heißt die Devise: Erst mal prüfen

Dieter Fockenbrock

Die Vorstände großer Aktiengesellschaften lehnen eine detaillierte Offenlegung ihrer Bezüge weiter ab. Obwohl die Corporate-Governance-Kommission Mitte der Woche – „einvernehmlich“ wie sie betonte – beschlossen hatte, diese Transparenz als Verpflichtung in ihren Kodex aufzunehmen, sehen vom Tagesspiegel befragte Unternehmen derzeit keinen Anlass, ihre ablehnende Haltung zu ändern. Weder die Chemiegruppe BASF noch der Versicherungskonzern Allianz, die beide mit Repräsentanten in diesem Gremium vertreten sind, wollen vorerst etwas ändern und den Beschluss „erst einmal in den Gremien prüfen“.

Bislang haben nur neun Vorstandschefs der großen Dax-Konzerne ihre Bezüge aufgedeckt. Zuletzt der neue Telekom-Chef Kai- Uwe Ricke, der allerdings nicht den üblichen Weg über den Geschäftsbericht, sondern ein Interview dazu nutzte.

Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) hatte vor der Änderung des Kodex angekündigt, eine Offenlegung der Bezüge gesetzlich erzwingen zu wollen, falls keine freiwillige Vereinbarung zu Stande komme. Mit den Beschlüssen zeigte sich die Ministerin jetzt zufrieden. Aber auch das Bundesjustizministerium „wird die neuen Kodex-Empfehlungen nun im Einzelnen prüfen“ bevor sie im Bundesanzeiger bekannt gemacht werden. Erst dann müssen sich die Unternehmen offiziell erklären, ob sie den verschärften Kodex akzeptieren.

Zeit bis zum kommenden Jahr

Den Unternehmen soll bis zum kommenden Jahr Zeit gegeben werden, die Offenlegungspflicht anzuerkennen. Mitglieder der Kommission wie ihr Vorsitzender Gerhard Cromme oder Christian Strenger glauben aber nicht, dass sich die Gesellschaften lange gegen den internationalen Trend zur Offenlegung wehren können.

Nach Einschätzung Strengers, ehemals Chef der größten deutschen Fondsgesellschaft DWS, „sind die Vorgaben so eindeutig“, dass ein Unternehmen für seine Weigerung „schon sehr gute Gründe bringen müsste“. Es gebe nach der Entscheidung einen „starken psychologischen Druck“. Der seit etwa einem Jahr existierende Kodex, in dem Grundsätze für transparente und gute Unternehmensführung festgelegt sind, ist freiwillig. Die Unternehmen können, müssen ihn aber nicht anerkennen.

Dass in der Cromme-Kommission, die ihre Entscheidung erst nach „eingehender, zum Teil kontroverser Diskussion“ beschloss, auch Spitzenvertreter von Konzernen sitzen, die eine Öffnung bislang ablehnen, entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie. Letztlich haben aber auch Allianz-Finanzvorstand Paul Achleitner und BASF-Aufsichtsrat Max Dietrich Kley für die verschärften Regeln gestimmt. Bei der Allianz heißt es dazu nur, dass Achleitner nicht als Interessenvertreter der Allianz in der Kommission sitze. Die Versicherung sieht daher auch keinen Konflikt. Es könnte durchaus sein, dass der Gesamtvorstand bei seiner Ablehnung bleibt.

Die bisher ablehnende Haltung werde bis auf weiteres beibehalten, sagte ein Sprecher. Vorstand und Aufsichtsrat müssten sich erst einmal mit den Beschlüssen der Kommission befassen. Das stelle schließlich „eine neue Situation“ dar. Ganz so unerwartet fiel die Entscheidung der Cromme-Kommission trotz unterschiedlicher Auffassungen in dem Gremium jedoch nicht. Weil die Ministerin mit Gesetzen gedroht hatte, blieb der Wirtschaft eigentlich keine Wahl.

Abwarten und prüfen lauten denn auch die Reaktionen bei der BASF und beim größten deutschen Industriekonzern Daimler- Chrysler. Dessen Konzernsprecher Hartmut Schick stellt zugleich klar, dass dem Vorstand unter Führung von Jürgen Schrempp die Veröffentlichung der Gesamtbezüge aller Vorstandsmitglieder weiterhin „Transparenz genug ist“. Anders formuliert: Die Neigung zur vollen Gehaltstransparenz ist trotz angelsächsischer Prägung des Stuttgarter Konzerns gering.

Schick weist vor allem darauf hin, dass der Vorstand eines deutschen Unternehmens nach dem Gesetz gesamtverantwortlich handele. Dann reicht es nach seiner Ansicht auch aus, wenn der Aktionär die Bezüge nach fixen und variablen Bestandteilen differenziert kenne, aber eben nur für die gesamte Führung des Unternehmens.

Mit ihrem Votum für individuelle Offenlegung von Bezügen hat sich die Cromme- Kommission nicht nur dem Druck aus Berlin gebeugt. Auch der schärfer werdende öffentliche Protest gegen die Selbstbedienungsmentalität einiger Vorstände hat seine Wirkung nicht verfehlt. Mit der jüngsten Entscheidung der Experten ist der Druck aber nicht genommen.

Als nächstes Thema hat sich Cromme ein heißes Eisen vorgenommen: den üblichen Wechsel von Vorständen in den Aufsichtsrat, am besten gleich an die Spitze des Kontrollgremiums. Dieser in Deutschland übliche Automatismus wird von den Aktionären nicht mehr akzeptiert. Zuletzt hatte der Ex-Chef der Hypo-Vereinsbank, Albrecht Schmidt, Pfiffe und heftige Angriffe auf der Hauptversammlung einstecken müssen.

Für die Cromme-Kommission ist das Thema heikel. Denn erstens haben einige der Mitglieder – einschließlich des Vorsitzenden – genau diesen Karriereweg beschritten. Und zweitens sind kompetente Kontrolleure Mangelware. Ein Verbot für diesen Tausch der Spitzenposten kommt also erst gar nicht in Frage. Das Problem, sagt ein Kommissions-Mitglied, liegt also darin, die richtige Messlatte für qualifizierte Aufsichtsräte zu finden. Und das, so viel steht fest, kann kein Kodex regeln.

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