Wirtschaft : Die Waffen der Euro-Wächter

ROLF OBERTREIS

FRANKFURT / MAIN. .Wird der Euro hart wie die Mark oder wird er eine Weichwährung? Darüber entscheidet vom kommenden Jahr an die Europäische Zentralbank (EZB), genauer der Rat der EZB.Die erste und wichtigste Entscheidungen des Gremiums: die Strategie, mit der die Stabilität des Euro gewährleistet werden soll.Jede Entscheidung der neuen Zentralbank werden die Finanzmärkte mit "Argusaugen" verfolgen, sagt Otmar Issing, derzeit Chefvolkswirt der Bundesbank und ab Juni Mitglied des Direktoriums der EZB."Je mehr unsere Strategie dazu beiträgt, möglichst rasch Vertrauen in die Geldpolitik entstehen zu lassen, um so leichter wird die Aufgabe der EZB."

Das Europäische Währungsinstitut (EWI) hat für die Strategie der EZB drei Wege vorgezeichnet: Ein Geldmengenziel, ein direktes Inflationsziel und eine Kombination aus beiden Ansätzen.Vorbild für das Geldmengenziel ist die Bundesbank.Danach versucht eine Zentralbank, die Preisentwicklung indirekt über eine Steuerung der Geldmenge zu kontrollieren.Dies setzt allerdings voraus, daß eine stabile Beziehung zwischen Geldmenge und Preisniveau besteht und die Notenbank die Geldmengenentwicklung auch steuern kann.Anders geht die Bank of England vor.Sie arbeitet mit einem direkten Inflationsziel.Bei diesem Weg spielen Inflationsprognosen die zentrale Rolle.Gibt es Diskrepanzen zwischen Ziel und Preisprognose, reagiert die Notenbank mit einer Veränderung der Zinssätze.

Seit das EWI Anfang 1997 die drei Optionen präsentiert hat, wird unter den Experten intensiv diskutiert.Dabei schält sich immer mehr heraus, daß sich die EZB wohl für eine Mischstrategie aus Geldmengen- und Inflationsziel entscheiden wird.Auch Noch-Bundesbanker Issing und seine Kollegen aus der deutschen Zentralbank favorisieren diese Lösung.Zwar plädieren sie grundsätzlich weiter für ein Geldmengenkonzept, weil es eine "beobachtbare statistische Größe" sei und damit der Öffentlichkeit gut vermittelt werden könne.Aber für die EZB könnten sich in der Anfangsphase Schwierigkeiten auftun, weil "zu Beginn der Währungsunion Instabilitäten in der Geldnachfrage, möglicherweise sogar Turbulenzen, nicht auszuschließen sind," sagt Issing.Vor allem eine mögliche unsolide Haushaltspolitik in den Teilnehmerländern der Währungsunion oder Störungen durch die internationalen Finanzmärkte könnte eine reine Geldmengenstrategie kaum auffangen.Dazu kommt, daß neue Handelsformen wie der Internethandel und neue Finanzprodukte für Veränderungen der Geldmenge sorgen könnten, die die Zentralbank kaum steuern kann, analysiert die Dresdner Bank.

Ein Inflationsziel könnte als Ergänzung hilfreich sein.Die EZB werde zudem, vermutet die Dresdner Bank, "weitere Faktoren wie Kreditverfügbarkeit, Zinsstruktur, Lohnstückkosten, Wechselkurse, Kapazitätsauslastung und Umfragen über wirtschaftliche Erwartungen berücksichtigen." Insgesamt dürften sich so die Unterschiede zwischen Geldmengen- und Inflationsziel in der geldpolitischen Strategie der EZB verwischen.

Während der EZB-Rat über die Strategie der europäischen Geldpolitik noch entscheiden muß, ist weitgehend klar, mit welchem Instrumentarium die neue Notenbank die Stabilität des Euro gewährleisten wird.Im Mittelpunkt stehen dabei Offenmarktgeschäfte, wie sie auch die Bundesbank macht.Sie stützt sich auf Wertpapierpensionsgeschäfte, bei denen sie den Geschäftsbanken gegen die Hereinnahme von bestimmten Wertpapieren zu einem fixen Zinssatz Geld leiht.Genauso wird die EZB vorgehen.Daneben wird es Feinsteuerungsmaßnahmen geben, um kurzfristig Zentralbankgeld in den Markt zu pumpen oder abzusaugen.Fest steht, daß es künftig nur noch einen Leitzins geben wird.Diskont und Lombard wird man in Euroland vergeblich suchen.

Offen ist noch, ob die EZB wie die Bundesbank auf eine Mindestreserve - Zwangseinlagen der Geschäftsbanken bei der Notenbank - als "Puffer" für die Geldmarktsteuerung setzt.Der Nutzen dieses Instruments ist umstritten.Die Geschäftsbanken wollen es nicht mehr, weil sie die Mindestreserve als "Steuer auf das Bankgeschäft" betrachten.Die Banken würden eine Mindestreserve nur noch dann schlucken, wenn die marktüblich verzinst werde - so wie in den Niederlanden.Die Chancen für dafür stehen gar nicht schlecht: Schließlich war der künftige EZB-Präsident Wim Duisenberg 14 Jahre lang Chef der holländischen Notenbank.

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