Wirtschaft : Die Wall Street gibt dem Dax das Abwärtstempo vor

PETER HEIN

Zumindest in einer Sache hat der Juli alle geeint: Ebenso wie die Taxifahrer und Freibadbesucher in der Mittagssonne, kamen die Händler und Makler auf dem Frankfurter Börsenparkett ordentlich ins Schwitzen. Das lag allerdings weniger an den hochsommerlichen Temperaturen als vielmehr an den Kurskapriolen, die der Dax vollführte. Mit einem Punktestand von 5378 startet das deutsche Börsenbarometer in die zweite Jahreshälfte. Am Freitag nachmittag lag er bei knapp 5100 Punkten. Das entspricht einem Verlust von rund fünf Prozent.Die meisten Börsianer wurden damit auf dem vollkommen falschen Fuß erwischt, denn die Statistik weist den Juli traditionell als freundlichen Monat aus. Doch an der Börse ist bekanntermaßen auf nichts Verlaß. Zinsängste bestimmen derzeit das Klima an den Weltbörsen. Seit Ende Juli stieg die durchschnittliche Umlaufrendite festverzinslicher Wertpapiere von 4,25 auf 4,43 Prozent. Doch damit nicht genug. Nach den letzten Worten von US-Notenbankchef Alan Greenspan und dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB) Wim Duisenberg scheinen weitere Zinserhöhungen schon jetzt so gut wie beschlossen zu sein. Das macht Börsianer nervös. Steigende Rendite bedeuten in der Regel Gefahr für die Aktienkurse - zumal wenn sie schon so hoch sind wie bei US-amerikanischen Aktien. Folglich gab die Wall Street im Monat Juli das Abwärtstempo vor. Vor allem die Technologie- und Internettitel an der Wachstumsbörse Nasdaq legten den Rückwärtsgang ein. Das riß dann auch die deutsche Börse mit nach unten."Die Angst vor einem Kurseinbruch des amerikanischen Aktienmarktes belastet auch weiterhin die deutschen Titel", glaubt Matthias Jörss, Aktienstratege bei der BHF-Bank in Frankfurt. In so einer aufgeheizten Stimmung kommt dann jedes weitere Argument recht - auch wenn es widersprüchlich ist. Mal ist es ein schwacher Euro, der die Börse sorgt, dann wieder verstimmt seine Kurserholung die Aktienanleger. Dennoch gab es auch im Juli Gewinner unter den 30 Dax-Titeln.Ausgerechnet die lange Zeit mißachteten Linde-Aktien stechen aus dem Indexfeld heraus. Akquisitionsphantasie brachte dem Kurs ein Monatsplus von mehr als acht Prozent. Die Chancen stehen gut, daß Linde mit seinem Gebot beim Konkurrenten Messer Griesheim zum Zuge kommt. Damit würde das Unternehmen seine Position im Bereich Industriegase deutlich stärken. "Dieser lukrative Markt hat hohe Eintrittsbarrieren. Acht Player teilen sich 80 Prozent des weltweiten Umsatzes", weiß Stephan Otto, Analyst bei der Hamburgischen Landesbank. Er glaubt allerdings nicht, daß sich der Kurs vorerst überdurchschnittlich entwickelt. "Linde ist ein solides Unternehmen, aber ich bin für den Wert neutral eingestellt."Ebenfalls zu den Gewinnern zählten die Commerzbank und Dresdner Bank. Das scheint auf den ersten Blick paradox, weil sie als zinsempfindliche Werte als erstes unter dem schwachen Vorgaben des Rentenmarktes leiden müßten. Doch die Frankfurter Großinstitute haben für das erste Halbjahr 1999 allesamt gute Zahlen präsentiert. Dazu ist bei den Banken die Fusionsphantasie anscheinend größer als die Zinssorgen. Hartnäckig halten sich die Gerüchte, daß die Dresdner Bank mit der HypoVereinsbank und die Commerzbank mit einem ausländischen Institut oder einer Versicherung zusammengehen möchte - freilich gibt es bislang Dementis. Aus dem Institutsreigen ausscheren konnte nur die HypoVereinsbank - uns zwar kräftig. Minus 15,3 Prozent lautet die traurige Bilanz für den Juli. Der Grund: Die Halbjahreszahlen haben die Bankanalysten enttäuscht. Zum Beispiel stufte Morgan Stanley die Hypo-Aktie genauso zurück wie das Bankhaus Merck Fink & Co.Knapp geschlagen im Rennen um die rote Laterne hat das Hypo-Papier die Metro-Aktie. Deren Verlust von fast 17 Prozent ist nicht von Pappe - zumal das Papier in den ersten sieben Monaten des laufenden Jahres ebenfalls zu den Schlußlichtern gehört. Für Analyst Peter Schilling vom Bankhaus Delbrück & Co. kein Grund, die Aktie überstürzt zu verkaufen. "Wenn ich die Kurse im internationalen Vergleich sehe, relativiert sich die schlechte Entwicklung. Nur die französische Carrefour konnte sich gut halten." Die Konsumkonjunktur in Deutschland ist dagegen immer noch schwach, und trotz der kräftigen Kurskorrektur ist das Papier nicht gerade billig.Aber Börsianer schauen ja bekanntermaßen in die Zukunft - und dort sehen sie nichts Gutes. Denn die gefürchteten Monate September und Oktober werfen ihre Schatten bereits voraus. Aber wer weiß, vielleicht ist darauf in diesem turbulanten Börsenjahr auch kein Verlaß.

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