Wirtschaft : Die Wall Street misstraut Kerry

Erfolg des demokratischen US-Präsidentschaftskandidaten hängt davon ab, ob er das Haushaltsdefizit senken kann

Michael R. Sesit

John Kerry wird gegen George W. Bush antreten. Und jetzt, wo der demokratische Präsidentschaftskandidat feststeht, untersuchen internationale Anlage-Manager und Investmentstrategen, welche Folgen eine Regierung Kerry für die internationalen Finanzmärkte und Anleger hätte.

Ihre erste vorläufige Prognose: Für die internationalen Aktienmärkte wäre ein US-Präsident Kerry wahrscheinlich schlecht. Was den Dollar und die Bondmärkte betrifft, fällt die Antwort weniger eindeutig aus. Welche Auswirkungen eine Regierung Kerry für die US-Währung und die Anleihemärkte hätte, dürfte hauptsächlich davon abhängen, wie der Präsident mit dem Haushaltsdefizit und anderen staatlichen Defiziten verfährt.

David Roche, Präsident der Londoner Finanzberatung Independent Strategy, dürfte mit seiner Meinung auf einer Linie mit dem Weißen Haus sein. Er denkt, dass ein Wahlsieg von Kerry dem Freihandel, der Wirtschaft und den Verbrauchern schaden würde. Auch wenn Kerry für die amerikanische Freihandelszone Nafta war, „scheint es nun, dass er nur dann für weitere Handelsabkommen eintreten wird, wenn sie keine heimischen Arbeitsplätze vernichten“, sagt Roche. „Und das ist ein todsicheres Geschütz gegen globalen Handel.“ Der Senator aus Massachusetts werde auch versuchen, amerikanischen Unternehmen die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland zu erschweren, sagt Roche. Außerdem wolle Kerry laut seiner Website Länder sanktionieren, die US-Exporten schaden – weil sie gegen Handelsvereinbarungen verstoßen, nicht-tarifäre Handelshemmnisse errichten oder ihre Landeswährungen bewusst schwach halten.

Opfer einer solchen protektionistischen Politik wären unter anderem asiatische Exportländer, vor allem Japan, Südkorea und Taiwan. Roche geht davon aus, dass Europa auf amerikanischen Protektionismus mit Gegenwehr reagieren werde. Das wiederum wäre ein harter Schlag für die amerikanischen wie auch europäischen Aktienwerte.

Ein anderer Experte nimmt an, dass eine Regierung Kerry die Steuern und die staatlichen Interventionen erhöhen werde. Beides „ist für die Aktienmärkte schlecht“, sagt der Portfoliomanager Uri Landesman von Federated Investors in New York. Davon ausgenommen dürften allerdings Aktien der Pharma- und Gesundheitsbranche sein. Denn Landesman nimmt an, dass eine demokratische Regierung versuchen wird, die Kostenspirale im Gesundheitswesen durch Druck auf die Pharma-Hersteller zu brechen.

Dagegen dürfte eine demokratische Regierung den Bildungssektor begünstigen. Unter Kerry würden die Bildungsausgaben steigen und Verlage wie die britisch-holländische Reed Elsevier Group, der britische Medienkonzern Pearson und das Unternehmen McGraw-Hill profitieren, sagt David Cooley von der National City Investment Management in Cleveland.

Ganz entscheidend für die weltweiten Märkte ist das ausufernde amerikanische Budgetdefizit. Und das ist fast unabhängig vom Ausgang der Präsidentschaftswahlen im November. „Nach den Wahlen sollte die Regierung nach mehr Haushaltsdisziplin streben", sagt John Ip, ein Ökonom beim Morley Fund Management in London, „und, offen gestanden, ist es egal, ob das unter Kerry oder Bush passiert.“

Alan Brown vom Londoner Vermögensverwalter State Street Global Advisors vermutet dagegen, dass weder eine Regierung Kerry noch eine Regierung Bush das Defizit bekämpfen wird. „Wir haben sehr viel höhere Güterpreise, ein gewaltiges Budget-Defizit, eine lockere Geldpolitik und werden – bei der gegenwärtigen Wachstumsrate – die Lücke zwischen Wirtschaftspotenzial und erreichtem Wirtschaftswachstum bis Ende des Jahres weitgehend geschlossen haben“, sagt er. Das Ergebnis: 2005 werde es starken Inflationsdruck geben. „Die große Gefahr ist, dass bei nachlassender Wirtschaftskonjunktur die Inflation sehr anzieht und die Zinsen steigen“, sagt Brown. Das sei für die internationalen Aktienmärkte schlimm.

Um zehn bis 15 Prozent könnte der US-Aktienmarkt bei einem Wahlsieg von Kerry einbrechen, schätzt Landesman von Federated Investors. Er denkt aber, dass der Einbruch auf den internationalen Aktienmärkten nur halb oder ein Drittel so groß ausfallen werde. „Für Europa spielt stärker die eigene Wirtschaftslage und die Euro-Stärke eine Rolle und für Japan neben der eigenen Wirtschaft auch China“, sagt er.

Was den Dollar betrifft, gehen die Meinungen der Experten auseinander. Jene, die glauben, dass der Dollar weiter sinkt, verweisen auf das Budget-Defizit und die protektionistischen Verlautbarungen von Kerry. Jene, die an einen Anstieg des Dollar glauben, argumentieren, dass es dem demokratischen Herausforderer gelingen könnte, das Defizit zu senken. Außerdem werde vielleicht der frühere Finanzminister Robert Rubin in einer künftigen Kerry-Regierung sitzen. Und der tritt für einen starken Dollar ein.

Die Texte wurden übersetzt und gekürzt von Tina Specht (Nestlé), Karen Wientgen (Kerry), Christian Frobenius (Frankreich), Matthias Petermann (USA) und Svenja Weidenfeld (Süd-Korea).

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