Wirtschaft : Die Wartezimmer sind leer

Aus Angst vor der Praxisgebühr gehen die Deutschen weniger zum Arzt / Davon profitieren die Krankenkassen

Carsten Brönstrup,Cordula Eubel

Von Carsten Brönstrup

und Cordula Eubel

Lange Wartezeiten, volle Wartezimmer in den Praxen – das alles gehört der Vergangenheit an. Die Deutschen gehen weniger zum Arzt, Gesundheitsreform und Praxisgebühr scheinen vielen Bürgern den Gang zum Arzt zu vermiesen. Auch im Februar ist die Zahl der Arztbesuche zurückgegangen. Um drei bis fünf Prozent seien die Arztkontakte gesunken im Vergleich zum Februar des vergangenen Jahres, sagte die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) dem „Tagesspiegel am Sonntag“. Damit setzt sich der Trend vom Januar fort – in den ersten vier Wochen des Jahres war die Zahl der Arztbesuche um fünf bis acht Prozent zurückgegangen. Die auf diese Weise erreichten Einsparungen wollen mehrere Krankenkassen Tagesspiegel-Informationen zufolge über Beitragssenkungen an die Versicherten weitergeben.

Vor allem die Fachärzte werden nach Erkenntnissen der KBV von den Patienten gemieden. Hals-Nasen-Ohrenärzte, Orthopäden und Hautärzte seien überproportional vom Rückgang der Arztbesuche betroffen, erklärte ein Sprecher des Verbandes. Damit scheint die Gesundheitsreform eines der wichtigsten Ziele erreicht zu haben. Die Praxisgebühr sollte die Versicherten dazu anhalten, nur dann den Arzt aufzusuchen, wenn es unbedingt notwendig ist. Allerdings seien die Zahlen vorerst noch Schätzungen, warnt die KBV. Noch nicht klar sei, ob die „gewisse Enthaltsamkeit“ der Leute darauf zurückzuführen sei, dass sie im November und Dezember zum Arzt gegangen seien und sich mit Medikamenten eingedeckt hätten.

Auch der ärztliche Notdienst wird wegen der Praxisgebühr seltener in Anspruch genommen. Nach Einführung der Praxisgebühr behandelte etwa der Notdienst in Niedersachsen im Januar 32,4 Prozent weniger Patienten als ein Jahr zuvor. Nach 27694 Patienten im Januar 2003 suchten nun nur noch 18729 Menschen den Notdienst auf, erklärte die Kassenärztliche Vereinigung in Hannover. Zudem sind auch die Arzneimittelausgaben der Kassen im Januar gesunken – um 30 Prozent.

Mehrere Krankenkassen prüfen nun, wegen der Kostenersparnisse im Laufe des Jahres die Beiträge zu senken. „Wir peilen das an“, sagte ein Sprecher der Barmer Ersatzkasse. Die mit gut siebeneinhalb Millionen Versicherten größte deutsche Krankenkasse hat bereits beschlossen, zum 1. April ihren Beitrag von 14,9 auf 14,7 Prozent zu senken. In der zweiten Jahreshälfte werde der Verwaltungsrat darüber befinden, ob es weiteren Spielraum für Senkungen gebe. Das Bundesgesundheitsministerium erwartet nach dem 1. April noch mehrere Runden von Beitragssenkungen.

Die hat auch die Deutsche Angestellten-Krankenkasse (DAK) im Visier. „Wir können hoffentlich am Ende des Jahres sagen, dass wir die Beiträge noch einmal senken werden“, sagte ein Sprecher. Die DAK hatte zum 1. Januar ihren Satz von 15,2 auf 14,7 Prozent ermäßigt. Die Techniker Krankenkasse (TK) wartet erst einmal ab. Um die Entlastungen durch die Gesundheitsreform seriös beurteilen zu können, brauche man ein paar Monate, heißt es. Auch der Bundesverband der Betriebskrankenkassen (BKK) will sich noch nicht festlegen: Vor dem Ende des ersten Halbjahres sei es schwer, eine zuverlässige Tendenz zu den Arztbesuchen und den Arzneimittelausgaben abzuschätzen.

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