Wirtschaft : „Die Welle der Fusionen ebbt ab“

Herr Six, die Krise am US-Hypothekenmarkt hat die Kreditmärkte weltweit durcheinander gewirbelt. Sind europäische Finanzinstitute in Gefahr?

Nicht in der Breite. Bisher sind nur vereinzelte Institute in Deutschland, Großbritannien und Frankreich ernsthaft von Ausfällen betroffen. Die Banken sind ganz gut in der Lage, die Probleme zu bewältigen.

Was ist mit den vielen Fondsschließungen?

Dabei handelt es sich vor allem um ein Liquiditätsproblem. Weil auf bestimmten Märkten für Kreditderivate kaum noch gehandelt wird, können Fonds, die diese komplexen Finanzprodukte halten, keine verlässlichen Preise mehr feststellen. Ich gehe davon aus, dass die Banken eine Lösung finden werden, die für die Investoren erträglich ist.

Sind auch produzierende Unternehmen von den Turbulenzen betroffen?

Davon kann man ausgehen. Die Unternehmen haben in den vergangenen Jahren davon profitiert, dass eine Welle von Fusionen und Übernahmen die Aktienkurse getrieben hat. Das hat ihnen die Finanzierung verbilligt und für niedrige Risikoaufschläge bei Firmenanleihen gesorgt. Diese Fusionswelle wird jetzt abebben, da Zinsen und Risikoaufschläge gestiegen sind. Außerdem unterscheiden die Investoren stärker nach der Kreditwürdigkeit.

Macht Ihnen das Sorge?

Nein, im Gegenteil. Es ist gut, dass sich die Kreditwürdigkeit der Unternehmen jetzt wieder in realistischer Weise in den Konditionen widerspiegelt. Vorher waren die Finanzierungsbedingungen für alle sehr gut, fast unabhängig vom Rating. Die Finanzlage der Firmen ist insgesamt sehr gut und die Konjunktur erscheint robust.

Drohen in Europa ähnliche Probleme wie in den USA?

Kaum. Es gibt wesentliche Unterschiede. Mit schwacher Kreditwürdigkeit bekommt man hier kaum einen größeren Immobilienkredit. Außerdem war die Kreditvergabe viel konservativer. Hausbesitzer haben nicht in nennenswertem Maße auf die Wertsteigerung ihres Hauses hin Kredit aufgenommen, um zu konsumieren.

Das Gespräch führte Norbert Häring (HB).

Jean-Michel Six

ist Europa-Chefvolkswirt der Ratingagentur Standard & Poor's in London. Die Agentur prüft Firmen und Banken auf ihre Kreditwürdigkeit und benotet auch Wertpapiere.

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