Wirtschaft : Die Welt in der Hand

Unter Joseph Blatter verdient die Fifa Milliarden – doch der eigene Machtanspruch beginnt ihr zu schaden

Robert Ide[Zürich]

Adolf Jöhr ist ein Züricher mit Weltruhm. Der inzwischen verstorbene Ökonom erdachte 1952 die Theorie der Konjunkturschwankungen, nach der Wirtschaftswachstum auf Psychologie beruht. Die Stadt Zürich benannte ihm zu Ehren eine Straße. Jetzt aber wurde sein Name getilgt. Am Zürichberg über der Stadt gibt es nun die einzige Fifa-Straße der Welt.

Die Fédération Internationale de Football Association hat sich eine neue Zentrale erschaffen. 170 Millionen Euro kostete das von Aluminiumsegeln umschlungene „Home of Fifa“. Der kritischen Öffentlichkeit soll das Gebäude erst 2007 zugänglich sein. Dann will sich Joseph S. Blatter, der 1998 mit vordemokratischen Mitteln den Thron der Fußballwelt bestieg, zum dritten Mal zum Präsidenten wählen lassen. Zuvor muss er die WM in Deutschland überstehen. Das wichtigste Turnier der Welt, das der Fifa mindestens 1,6 Milliarden Euro einbringen soll, wird ein Auswärtsspiel für den Veranstalter.

Nach einer Umfrage des Instituts „Sport+Markt“ bewerten nur fünf Prozent der fußballinteressierten Deutschen die Arbeit der Fifa als sehr gut, 20 Prozent als gut. „An der Professionalität der Fifa zweifelt keiner“, sagt „Sport+Markt“-Vorstand Hartmut Zastrow auf Nachfrage. „Allerdings sind Macht und Geldgier klar die beiden Eigenschaften, die vom Fußballfan mit der Fifa verbunden werden.“ Dass in Deutschland 70 Prozent die Fifa als positive Organisation einschätzen, wie Fifa-Generalsekretär Urs Linsi kürzlich in einem Tagesspiegel-Interview behauptete, ist wohl eher ein Wunsch der sich selbst so nennenden „Fifa-Familie“.

Wirtschaftswachstum beruht bei der Fifa nicht allein auf Psychologie. Der Verband, der mehr Mitgliedsländer als die Uno hat, entging nur knapp der Pleite. Die Firma ISL, die die WM vermarkten sollte, meldete 2001 Konkurs an. Die Fifa gab die Rechte an den Münchner Medienunternehmer Leo Kirch weiter – mit ähnlichem Ende. Auf 30 Millionen US-Dollar bezifferte Blatter den Verlust, Finanzexperten hielten das für mehrfach untertrieben. Kurz vor der WM 2002 in Asien kündigte die Versicherung der Fifa ihren Vertrag, Schwarzkonten flogen auf, Zeugen drohten mit Aussagen über Korruption. Nur mit Mühe konnte Blatter seine Absetzung durch eine Opposition um den damaligen Generalsekretär Michel Zen-Ruffinen verhindern, Kritikern entzog er auf dem Verbandstreffen 2002 das Mikrofon. Nach der Wiederwahl mussten Blatters Gegner die Zentrale verlassen. Darüber reden wollen sie nicht mehr. „Ich bekomme ja noch Geld von der Fifa“, sagt ein Gedemütigter von damals am Telefon, als er ein Treffen in Zürich kurzfristig absagt.

Es herrscht lautes Schweigen. Ein Buch des Enthüllungsautors Andrew Jennings über Mauscheleien und dubiose Finanzströme – Titel „Foul!“ – wollte die Fifa in der Schweiz verbieten lassen, sah dann aber davon ab. In Deutschland erscheint es erst nach der WM. „Da werden alte Geschichten aufgewärmt“, schimpfte Blatter bei einem Pressegespräch vergangene Woche in Zürich. „Das Buch müsste ,Revanche-Foul’ heißen. Auf dem Spielfeld gäbe es dafür die rote Karte.“

Mit Platzverweisen kennt sich Blatter aus, der Machtgefechte immer wieder geschickt für sich entscheidet. Weit unter ihm beginnen die Positionskämpfe für seine Nachfolge, auch wenn die wohl erst 2011 ansteht (Blatter wäre dann 75). Der getreue, aber bürokratische Generalsekretär Urs Linsi, der die Finanzen wieder positiv gestaltete, fiel durchs Raster. An ihm vorbei beförderte Blatter den polyglotten Franzosen Jerome Champagne. Rasant ist auch der Aufstieg des smarten Kommunikationsdirektors Markus Siegler, der im Dezember anstelle von Linsi die WM-Auslosung moderieren durfte. Vergangene Woche gab es die nächste Überraschung: Blatter stellte eine neue „persönliche Pressesprecherin“ vor. Manche Fifa-Beobachter werten das als Indiz für eine bevorstehende Beförderung Sieglers. Aber sicher will sich niemand sein.

Ein Pfeiler für das Milliardenunternehmen, das nur als Verein eingetragen ist, sind die vielfältigen Programme zur Entwicklungshilfe. „Sepp Blatter tut etwas für die kleinen Länder“, sagt Fifa-Vize Jack Warner, der als Verbandschef von Trinidad und Tobago zum Stimmensammler Blatters aufstieg und es zeitgleich zum Multimillionär brachte. „Die Kleinen haben die Mehrheit in der Fifa“, weiß Warner. Vielleicht erklärt das, warum Warner nicht zur Rechenschaft gezogen wurde, als er für Fans bestimmte WM-Tickets an das Reisebüro seiner Familie weitergab, das diese nur in Verbindung mit überteuerten WM-Paketen anbot.

Wie nach innen verhält sich die Fifa zuweilen nach außen. Im April gab sie bekannt, nach der WM nicht mit Sponsor Mastercard zu kooperieren, sondern mit dem Konkurrenten Visa. „Einen betrügerischen Verstoß gegen unser Erstzugriffsrecht“ nannte Mastercard das. „Direkt vor der WM macht man das nicht“, urteilt Marktforscher Zastrow. „Damit konterkariert man die WM-Kampagne von Mastercard.“ Die Firma hat Klage eingereicht.

Die Justiz ist mit der Fifa gut beschäftigt. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Zug in Sachen ISL richten sich auch gegen den Verband (siehe unten). Eine Anklage könnte Blatters Fußballwelt erschüttern. Denn die Fifa verdient ihr Geld nicht allein mit konsequentem Marketing. Um in Europa erfolgreich zu sein, braucht sie ein positives Eigenbild. Deshalb wirbt Blatter verstärkt mit Sozialprojekten, etwa der Kampagne „For the good of the game“. Auch Selbstbeschränkungen zur WM 2010 in Südafrika werden intern diskutiert.

„Das Image der Fifa hat stark gelitten. Man kann das als intakte Abwärtsentwicklung beschreiben“, sagt Zastrow. „Die Diskussion über Rechtsschutz und Titelschutz hat der Fifa geschadet.“ In Deutschland sind Negativ-Schlagzeilen keine Ausnahme mehr: Zunächst wurden die Stadien nach einem detaillierten Pflichtenheft umgebaut; Münchens „Allianz“-Arena verliert zur WM ebenso ihren Namen wie Hamburgs AOL-Arena. Dann wurde die Berliner Eröffnungsgala abgesagt, Tausende Freiwillige hatten umsonst geprobt. Ein Heer von Anwälten machte Firmen Druck, um den Begriff „Fußball WM 2006“ zu schützen – bis der Bundesgerichtshof einschritt. Schließlich wollte Blatter dem deutschen Organisationschef Franz Beckenbauer einen Auftritt zur WM-Eröffnung am 9.Juni in München verwehren. Nach Protesten verzichtet nun auch Blatter auf Grußworte. Auf ein Pfeifkonzert scheint er sich dennoch einzurichten. „Auch Popstars werden ausgepfiffen“, tröstet sich Blatter. „Das ist eine Art von Applaus.“

In Entwicklungsländern wird die Fifa noch gefeiert, „dort leuchten Kinderaugen, wenn man einen Ball mitbringt“, wie Blatter erzählt. Vielleicht kann der König des Fußballs auch deshalb noch nicht aufhören. Die WM 2010 in Südafrika könnte Blatter die Bühne für einen besseren Abgang bieten. Die Frage ist nur: Hält die Fifa sich selbst so lange aus?

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