Wirtschaft : Die Welt ist eine Scheibe

Für manche Menschen dreht sich alles um Musik. Egal wo, egal wann – sie brauchen ihren eigenen Soundtrack. Zum Glück gibt es für sie technische Hilfsmittel

Christian Hönicke

Die meisten Menschen würden Alex wohl einen Verrückten nennen. Fast jeden Tag steht er im „Saturn“ am Alexanderplatz in Berlin mit einem Stapel CDs in der Hand, den Kopfhörer über die schwarzen Haare gestülpt. Sein Blick schweift scheinbar ausdruckslos zwischen „Rock/Pop M-P“ und „Reggae/Ska“, während seine Füße mal leicht, mal heftiger auf dem braunen Teppichboden wippen. Alex lebt nicht durch die Augen, er lebt durch die Ohren. Er nimmt den Kopfhörer ab. „Jeder Tag ohne Musik ist ein verschenkter Tag“, sagt er.

Alex gehört zu den Menschen, die sofort hippelig werden, wenn sie ein paar Stunden lang keine Musik hören können. Und zwar nicht irgendein Radiogedudel, sondern ihre Musik, den Soundtrack ihres Lebens sozusagen. „Bahnfahrten ohne meinen CD-Player sind die Hölle“, sagt Alex und zeigt auf seine Tasche, aus der sich das Kopfhörerkabel schlängelt. Um die Anzahl der soundlosen Stunden zu minimieren, hat der 23-Jährige immer eine Packung Ersatzbatterien dabei.

Jeder Raum seiner Kreuzberger Wohnung verfügt über mindestens ein Gerät, das sich zur Musikwiedergabe seiner rund 250 CDs eignet – nur das Bad noch nicht, wegen der Feuchtigkeit. Für alle Lebenslagen hat er vorgesorgt, er muss eigentlich nirgendwo auf Musik verzichten. Mit einem aktuellen Arsenal von drei Stereoanlagen, zwei portablen CD-Playern, einem CD-Brenner, zwei Plattenspielern, zwei Autoradios und einem Funkkopfhörer dürfte Alex einen netten Beitrag zu den 2,4 Milliarden Euro geleistet haben, die die Deutschen pro Jahr für Musikelektronik ausgeben.

Industrie in der Krise

Doch trotz Menschen wie Alex ist der Absatz der Audioindustrie rückläufig, seit die Musik über Dateien im MP3-Format auch auf dem PC Einzug gehalten hat. In sechs Jahren sanken die Jahresausgaben für Audioelektronik in Deutschland pro Haushalt von 255 auf 227 Euro. Gerade bei tragbaren Geräten wie Radiorekordern ist ein deutlicher Umsatzrückgang von rund acht Prozent zu verzeichnen. Die Branche leidet dabei vor allem unter der Konkurrenz aus dem Computer-Sektor. Gerade Geschäftsleute benutzen unterwegs lieber Laptops oder Taschencomputer (so genannte PDAs) zum Musikhören. Einer der wenigen Wachstumsmärkte im Audiobereich ist der Markt für tragbare Mini-Player.

In diesem Jahr sollen beispielsweise fünf Prozent mehr tragbare CD-Spieler verkauft werden, der Absatz für MP3-Player wird vermutlich gar um 75 Prozent ansteigen. Wofür man sich entscheidet oder ob man einer Kombination aus beiden den Vorzug gibt, ist letztlich Geschmackssache. Im MP3-Format passt zwölfmal mehr Musik auf eine CD als in normalen Audio-Formaten. Das ist praktisch auf der Straße, weil man mehr Musik dabei hat. Die Soundqualität ist jedoch schlechter, spätestens auf der Anlage im Wohnzimmer ist die starke Komprimierung nicht mehr zu überhören. Der Durchschnittshörer stört sich meist nicht daran, Fans wie Alex schon. Echten High-End-Fanatikern geht sogar die CD nicht weit genug.

Für die Zukunft

Sie setzen auf die Super-Audio-CD (SACD) und die DVD. Letztere wurde zwar als Videoscheibe auf den Markt gebracht, doch mittlerweile hat auch die Audioindustrie ihr Potenzial erkannt und fertigt spezielle DVD-Player für die Musikwiedergabe.

Rund 700 Musik-DVDs gibt es zurzeit, bereits auf mehr als 2000 Titel kann die SACD-Fangemeinde zurückgreifen. Beide Formate bieten mehr Speicherplatz als eine herkömmliche CD, können dadurch bedeutend mehr Klangfacetten darstellen und sind besonders für Klassikliebhaber interessant. Auf der diesjährigen Internationalen Funkausstellung (Ifa) in Berlin, die noch bis zum Mittwoch läuft, soll dieser zukunftsträchtige Markt so richtig angeschoben werden.

Ausgedient hat die mehr als 20 Jahre alte Compact Disc deshalb aber noch lange nicht. „Sie hat ihren Zenit noch längst nicht erreicht“, sagt Jochen Wiesinger von der Gesellschaft für Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik (GFU). Selbst SACD- und DVD-Spieler können die fast unüberschaubare Titelbibliothek nicht ignorieren und spielen auch herkömmliche CDs ab.

Alex muss also nicht um seine Leidenschaft fürchten, kann weiter fast jeden Tag im „Saturn“ nach Futter für seine CD-Spieler stöbern. Doch für alle Fälle hat er schon mal vorgesorgt: Vor kurzem hat sich Alex eine Gitarre zugelegt und macht nun seine eigene Musik.

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