Wirtschaft : Die Welt ist nicht genug

Berühmte Bauwerke in klein abzubilden, reicht nicht mehr – die Besucher von Miniaturparks wollen neue Attraktionen

Daniel Michaels

Diethard Humer schlendert die Chinesischen Mauer entlang, spaziert an der Oper von Sydney vorbei und bewundert dann die Basilika von Sankt Petersburg. Das Objekt seiner Aufmerksamkeit ist ein 40 Tonnen schweres maßstabgetreues Modell von der Größe eines Lkws. Es dauerte sieben Jahre, es zu bauen und kostete 700 000 Euro. Das Material ist derselbe Marmor wie bei dem Original verwendet worden sei, prahlt Humer. Um ihn herum erstreckt sich Minimundus, ein Themenpark mit 171 Kopien berühmter Bauwerke im Maßstab 1 : 25.

Diethard Humer, der Direktor des Parks, gibt Kollegen eine Führung, die im österreichischen Klagenfurt zum zweiten Jahrestreffen der Internationalen Vereinigung der Miniparks zusammengekommen sind. Während sie Minimundus unter die Lupe nehmen, reden sie über ihre ganz realen Sorgen. „Wir wollen Parks mit einer Vision", sagt Rudi Rasschaert, Direktor des Brüsseler Parks Mini-Europa. „Wir müssen sicherstellen, dass die Neuen Qualität haben", meint auch Minimundus-Chef Humer. Weltweit gibt es mittlerweile nämlich mindestens 40 Parks mit winzigen Gebäuden, Zügen und Häfen. Zu den jüngsten Parks gehören Mini-Israel nahe Tel Aviv und Miniaturk in Istanbul. Das winzige Slowenien plant eine noch winzigere Kopie des Landes. Gleiche Pläne hat das weite, leere Kasachstan.

Ein Mini-USA gibt es nicht

Aber selbst die ehrwürdigen europäischen Miniaturparks haben mit sinkenden Besucherzahlen zu kämpfen. Deshalb werden die Modelle jetzt durch Raketen, Rennautos und brennende Treibstofftanks zum Leben erweckt. Ein bisschen Action muss sein. „Für einen 15-jährigen ist eine Raumfähre viel beeindruckender als 20 historische Gebäude", sagt Humer. Vielleicht erklärt das, warum sich die Miniparks in dem Land nicht durchgesetzt haben, das tatsächlich die Welt beherrscht. In den USA gibt es Modell-Eisenbahnorte, Miniatur-Golfplätze, ein Las-Vegas-Hotel und ein Kasino, das aussieht wie in New York, Legoland-Parks und zwei Zwergenversionen von China, aber keine Mini-USA. In den USA, sagen einige, liebe man eben Größe.

Die meisten Miniparks idealisieren die Welt. Bekonscot in England, der 1929 gegründet wurde, soll der erste Minipark gewesen sein und ist zeitlich vor dem Zweiten Weltkrieg stehen geblieben. Die Zwillingstürme des World Trade Centers stehen immer noch 18 Meter hoch im japanischen Minipark World Square. Mini-Israel hat keine Krankenhäuser, keine Siedlungen, keine Kontrollpunkte. 30 000 Figuren von Menschen verschiedener ethnischer Herkunft im Maßstab 1:25 stehen harmonisch auf einem Land, das wie ein Davidstern geformt ist. Das löst gleich mehrere Probleme, erklärt Mike Madeson von Mini-Israel. Erstens werde so weniger Platz verschwendet – 60 Prozent von Israel ist Wüste. Zweitens umgehe man unliebsame Fragen wie die, wem welches Territorium gehört. „Wir haben versucht zu zeigen, wie das Land ist und wie wir es vielleicht gerne haben würden", sagt Madeson.

Dennoch können Miniparks die wirkliche Welt nicht ausblenden. Im Minimundus in Österreich, wo die jeweilige Nationalfahne die Modelle ziert, gab es beispielsweise Kontroversen darüber, ob vom Jerusalemer Felsendom die israelische, palästinensische oder jordanische Flagge wehen sollte – man entschied sich für keine. „Mit jedem Modell kann man einen diplomatischen Fauxpas begehen", berichtet Humer. Eben darum, meint sein Kollege Rasschaert, bräuchten die Parks „eine Vision". Mini-Europa in Brüssel, sagt er, repräsentiere zum Beispiel „den Reichtum und Geist Europas". Miniaturk erinnert an den Ruhm des vergangenen Osmanischen Reiches.

Doch den meisten Besuchern reicht das nicht. Also müssen die Parks aufgemotzt werden. Im holländischen Madurodam können die Besucher zusehen, wie ein drei Meter langer Öltanker in Flammen aufgeht und von einem Feuerwehrboot gelöscht wird. In Mini-Israel machen Miniatur-Fans in einem Miniatur-Fußballstadion die „Welle", wenn ein Tor fällt. Im italienischen Park Italia in Miniatura hebt eine Maschine von Alitalia vom Flughafen ab.

Mit solchen Attraktionen ausgestattet, könne ein Park bis zu 50 Millionen US-Dollar kosten, sagen die Betreiber. Die geringe Größe der Modellgebäude dürfe nicht über ihren Preis täuschen. Ein Miniatur-Haus kostet durchschnittlich 200 000 Dollar.

Die Schwierigkeiten der Branche schrecken Edmund van der Meer, der ein Miniatur-Amerika mit einem 120 Zentimeter hohen Weißen Haus und 4000 winzigen Autos, schaffen will, aber nicht ab. Der 55-jährige gebürtige Niederländer liebte in seiner Kindheit das Madurodam, in dessen Nähe er aufgewachsen war. Als er später in die USA zog, sei er schockiert gewesen, dass Amerikas Glanz noch nicht in Miniatur dargestellt worden sei. Herr van der Meer plant, seinen Park „in der besten Stadt auf der ganzen Welt" zu errichten – in Las Vegas.

Die Texte wurden übersetzt und redigiert von: Karen Wientgen (Philip Morris), Svenja Weidenfeld (Miniparks), Matthias Petermann (Stahl), Christian Frobenius (Alstom) und Tina Specht (Welthandel).

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