Wirtschaft : „Die Weltbank ist korrupt“

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Herr Bhagwati, beim G8-Gipfel haben die Wohlstandsnationen den armen Ländern Afrikas gerade zusätzliche Milliarden versprochen - aber nur, wenn sie selbst mit anpacken. Ist das der richtige Ansatz oder nur eine schlaue Marketing-Idee?

Es ist nur dann sinnvoll, afrikanischen Ländern Geld zu geben, wenn das Geld vernünftig verwendet wird. Länder, in denen es einfach versickert, sollten nichts bekommen.

Das ist in der Vergangenheit aber oft passiert.

Das Problem Afrikas ist die Instabilität. Viele Länder werden von Bürgerkriegen geplagt, haben schlechte oder korrupte Regierungen. An diesen Ländern wird das Wachstum vorüberziehen.

Macht es trotzdem Sinn, ihnen Entwicklungsgeld zu geben?

Ja, aber wir sollten unsere Entwicklungshilfe anders organisieren. Es ist völlig überflüssig, fortgeschrittene Länder wie Indien, China oder Brasilien weiter zu unterstützen. Schluss damit! Diese Länder können sich am Kapitalmarkt Geld leihen und dafür ganz normal Zinsen zahlen. Sie müssen lernen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Das öffentliche Entwicklungsgeld, das zum Beispiel die Weltbank zur Verfügung hat, muss stärker auf die ärmsten Länder Afrikas konzentriert werden.

Gibt es keine Alternative, als sie an den Tropf der reichen Länder zu hängen?

Ohne Wachstum wird es kein Land schaffen, auf die eigenen Füße zu kommen. Aber das ist auch eine Frage der richtigen Einstellung. Viele afrikanische Länder haben eine Verlierermentalität. Wenn sie den Anschluss an die Weltklasse wirklich wollen, müssen sie hart an sich arbeiten. In Südkorea hat das funktioniert. Das Land hatte in den 50er und 60er Jahren nicht mal das Niveau von Sambia. Es gab nicht mal eine soziale Schicht von Unternehmern. Heute konkurriert Südkorea mit allen Staaten der Welt. Verglichen damit hat ein Land wie Sambia sehr viel bessere Ausgangsbedingungen. Aber bei der Entwicklung der asiatischen Tigerstaaten haben die Liberalisierung der Wirtschaft und die Öffnung der Märkte eine große Rolle gespielt.

Heißt das, die Entwicklungsländer müssen nur ihre Märkte öffnen und die Zollschranken senken und alles wird gut?

Ich glaube nicht, dass freier Handel eine Wunderwaffe ist. Trotzdem bringt die Globalisierung unter dem Strich mehr Vor- als Nachteile. Noch schaden sich arme Länder wie Brasilien, Mexiko oder Brasilien durch ihre Zollschranken vor allem selbst. Die Zölle der reichen Länder betragen heute im Schnitt drei Prozent, die der armen Länder dagegen durchschnittlich 13 Prozent. Das behindert den Handel, weil sich die heimischen Unternehmer auf den geschützen inländischen Markt konzentrieren.

Eines der Lieblingsargumente der Globalisierungskritiker ist, dass sie unfair ist, weil sie die reichen Länder reicher und die armen Länder ärmer macht. Ist die Angst berechtigt?

Die Kritiker machen sich Sorgen über die sozialen Aspekte der Globalisierung, Sie vermissen das menschliches Gesicht. Aber die meisten von ihnen bekämpfen nicht Handel an sich, sondern die Art der Globalisierung - dominiert von internationalen Organisationen wie der Weltbank oder der Welthandelsorganisation WTO. Globalisierungskritiker sind wie Katholiken, die den Vatikan ablehnen. Die WTO ist ein bisschen wie der Vatikan, und WTO-Generaldirektor Mike Moore ist der Papst. Nur, dass er keine lustigen Gewänder trägt.

Ist die Globalisierung tatsächlich unsozial?

Nein, die Globalisierung hat schon jetzt ein menschliches Gesicht. Wenn wir Globalisierung und Freihandel vorantreiben, verbessern wir in der Regel auch die Lebensbedingungen. Das haben wir zum Beispiel in Indien gesehen, wo sich nach der Marktöffnung Anfang der neunziger Jahre die Wachstumsraten verdoppelt haben. Die Globalisierung ist Teil der Lösung, nicht Teil des Problems.

Wo ist die Globalisierung schiefgelaufen?

Die Öffnung der Finanzmärkte ist eindeutig zu schnell erfolgt. Das hat man vor allem in Asien gesehen. Die Bankenstruktur war zu instabil. Nachdem der Markt liberalisiert worden war, gab es keine effektive Kontrolle mehr. Die Banken haben sehr viel kurzfristiges, teures Geld aus dem Ausland geliehen. Und als die Krise sichtbar wurde, ist sehr viel Geld wieder abgeflossen. Das war ein großer Schock für die Märkte.

Gemessen an ihren eigenen Zielen arbeiten internationale Organisationen wie die Weltbank nicht sehr erfolgreich. Warum sind die Handelsbarrieren noch so hoch?

Die Weltbank arbeitet mit einer Schock-Therapie: Schnelle Marktöffnung um jeden Preis. Kredite gibt es nur, wenn eine Reihe von Bedingungen erfüllt werden. Dabei versucht sie, jedem Land denselben Stiefel anzuziehen. Dieses System funktioniert nicht mehr. Wir brauchen Reformen.

Warum gibt es die bis heute nicht?

Die Weltbank ist korrupt. Ich würde nicht für sie arbeiten. Als Weltbank-Präsident James Wolffensohn einen Bericht über Korruption in der ärmsten Ländern geschrieben hat, habe ich ihn gefragt: ’Warum machst Du die Jalousien Deines Fensters nicht auf? Es gibt auch in der Weltbank Korruption. ’

Die neue Welthandelsrunde sollte eigentlich eine Entwicklungsrunde werden. Mit den neuen Stahlzöllen und Agrarsubventionen in den USA scheint aber eine neue Ära des Protektionismus ausgebrochen zu sein. Stehen wir am Beginn eines neuen Handelskrieges?

Zu Beginn der Handelsrunde im Januar gab es ein Stillstands-Übereinkommen. Die WTO-Länder haben sich darauf geeinigt, keine neuen Handelsbarrieren zu errichten, sondern sie zu reduzieren. Aber solange Länder wie die USA sich nicht dazu bereit erklären, über den Abbau von Handelsbarrieren zu sprechen, ist die Atmosphäre vergiftet.

Ist es illegal, was die Amerikaner im Moment machen?

Die Regierung Bush hat aus innenpolitischen Gründen...

...im Herbst stehen die nächsten Senatswahlen an...

....die Regeln des Stillstands gebrochen. Das verstößt zwar nicht im juristischen Sinn gegen die Regeln der WTO, ist aber politisch das falsche Signal. Wie sollen wir jetzt noch ein armes Land dazu bewegen, den Markt weiter zu liberalisieren? Nachdem die USA als wichtigster Prediger des freien Handels den eigenen Markt zumachen? Die großen Handelsmächte müssen einsehen, dass sie mehr Verantwortung tragen als andere Länder und mit gutem Beispiel vorangehen müssen. Das haben die USA offenbar nicht verstanden. Sie haben den Geist von Doha verraten. Und das ganze Team im Stich gelassen.

Kann die neue Welthandelsrunde trotzdem ein Erfolg werden?

Ich bin weniger optimistisch als kurz nach de den Terroranschlägen vom 11. September. Vielleicht können wir irgendwann zu einem Abschluss kommen. Aber es ist lächerlich anzunehmen, dass sie wie geplant in drei Jahren abgeschlossen sein kann. Die letzte Runde hat siebeneinhalb Jahre gedauert, die davor fünf Jahre. In drei Jahren läuft zwar die Zeit von WTO-Generaldirektor Mike Moore aus, aber er sollte zufrieden sein, überhaupt eine neue Runde hinbekommen zu haben. Das ist genug Glanz für eine Amtszeit.

Die Fragen stellte Maren Peters.

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