Wirtschaft : Die wichtigste Zeit des Jahres

Der Handel sieht einen guten Start in den Advent. Verdi fordert Zuschläge bei längeren Öffnungszeiten

Carsten Brönstrup,Stefan Kaiser

Der Einzelhandel ist nach eigenen Angaben gut in das diesjährige Weihnachtsgeschäft gestartet. „Unsere hohen Erwartungen an diesen wichtigen ersten Adventssamstag haben sich voll erfüllt“, sagte der Sprecher von Karstadt-Quelle, Jörg Howe. „Das dürfte das bisher umsatzstärkste Wochenende des Jahres werden.“ Vor allem Weihnachtsartikel, Spielwaren, Parfüms und Technik seien gefragt gewesen. Auch im Berliner KaDeWe, das zum Karstadt-Konzern gehört, gab man sich zufrieden. „Wir werden wieder mit einem leichten Plus gegenüber dem Vorjahr aus diesem Tag gehen“, sagte eine Sprecherin. Wegen des milden Wetters habe das Geschäft aber erst am Nachmittag angezogen.

Detlev Steffens, Geschäftsführer bei Galeria Kaufhof am Alexanderplatz sprach ebenfalls von einem „guten Tag“. Besonders überrascht sei man aber vom Geschäft am Freitagabend gewesen, an dem sowohl Galeria Kaufhof als auch das KaDeWe und andere Kaufhäuser erstmals bis 22 Uhr geöffnet hatten. „In den zwei Stunden zwischen 20 und 22 Uhr haben wir zehn Prozent des Tagesumsatzes gemacht“, sagte Steffens. Im Kulturkaufhaus Dussmann, das in der Nacht zum Samstag bereits zum dritten Mal durchgängig geöffnet hatte, habe zumindest bis drei Uhr wieder reger Betrieb geherrscht, sagte ein Sprecher.

Weihnachten bedeutet das große Geschäft für den Einzelhandel – aber in diesem Jahr auch das große Zittern. Für die mehr als 400 000 Unternehmen in Deutschland sind die Monate November und Dezember die wichtigsten des Jahres. Spielwarenfirmen machen in dieser Zeit 31 Prozent ihres Jahresumsatzes, Süßigkeitenhersteller 29 Prozent, Uhren- und Schmuckfirmen 28 Prozent. Der Branchenverband HDE erwartet, dass die Deutschen fast 76 Milliarden Euro ausgeben – das wäre ein Plus von immerhin zwei Prozent. „Für jeden Händler ist diese Zeit die schönste“, übt sich HDE-Chef Josef Sanktjohanser in Zweckoptimismus.

In den vergangenen Monaten zeigten sich die Käufer allerdings nicht besonders konsumfreudig: Im Oktober ging der Umsatz im Einzelhandel um 0,3 Prozent zurück, im September sogar um 2,9 Prozent. Die Signale der Konsumenten sind widersprüchlich: Den Marktforschern des Instituts Dialego zufolge will jeder dritte Bürger vor dem Fest weniger ausgeben. Die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) dagegen meldet Monat für Monat Rekorde beim Konsumklima. Solche Stimmungsbilder sollte man aber nicht überbewerten. „Bei Umfragen zu Konsumplänen ist große Vorsicht angebracht“, rät Marco Bargel, Chefökonom der Postbank.

Hoffnungen macht sich der Handel gleich aus mehreren Gründen. Dank der besseren Konjunktur haben 350 000 Menschen mehr als vor einem Jahr einen Arbeitsplatz – das steigert die Kaufkraft. Obendrein bleibt den Verbrauchern mehr Zeit zum Geldausgeben, einige Bundesländer haben die Ladenöffnungszeiten deutlich ausgeweitet – allen voran Berlin.

Allerdings pochen die Arbeitnehmervertreter darauf, die Beschäftigten umfangreich zu entschädigen. „Wer abends noch länger im Laden stehen soll, muss dafür auch angemessene Zuschläge bekommen. Ich wüsste nicht, warum wir im Vergleich zur jetzigen Regelung Abstriche machen sollten“, sagte Verdi-Vizechefin Margret Mönig-Raane dem Tagesspiegel. Die Arbeitgeber fordern eine Abschaffung der Spätzuschläge – bislang sind es 20 Prozent nach 18 Uhr 30 und 50 Prozent nach 20 Uhr. „Für ihre Experimente sollen die Arbeitgeber gefälligst selbst aufkommen“, findet die Gewerkschafterin. Zumal der Aufschwung auch dem Handel helfe. „Ich sehe nicht ein, warum wir den Beschäftigten in dieser Situation Geld wegnehmen sollten.“ Wer Kinder oder Angehörige zu versorgen habe, solle möglichst nach Wunsch ganz aus der längeren Öffnung herausgehalten werden.

Bleibt die bevorstehende Erhöhung der Mehrwertsteuer. Ehe der Satz von 16 auf 19 Prozent steigt, stürmen die Konsumenten in Läden und Boutiquen, die besonders auf den Euro achten müssen, hoffen die Handelsmanager. „Die Verbraucher kaufen jetzt vor allem Produkte ab 800 Euro – Fernseher, Kameras, Waschmaschinen“, prognostiziert James Bacos, Handelsexperte bei der Unternehmensberatung Mercer Management Consulting. „Es geht ja vor Weihnachten nicht nur um Geschenke, sondern auch um Anschaffungen für Haushalt und Familie.“

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