Wirtschaft : "Die Wirtschaft geht voran, die Politik trottet hinterher"

TAGESSPIEGEL: Herr Berger, haben Sie jetzt, nachdem die Weichen für die Unternehmensberatung Roland Berger & Partner GmbH neu gestellt wurden, mehr Zeit für die Politikberatung?

BERGER: Ich habe in den vergangenen Jahren ja nicht gerade wenig Zeit in die Politikberatung gesteckt.Es sieht allerdings nicht so aus, als ob ich nun im nächsten Jahr noch mehr Zeit dafür hätte.Die aktuellen Veränderungen unserer Beratungsfirma müssen erst einmal in die Praxis umgesetzt werden.

TAGESSPIEGEL: Werden Sie Gerhard Schröder zur Seite stehen?

BERGER: Ich habe die Bundesregierung und unter anderem die Ministerpräsidenten Schröder, Stoiber und Teufel sowie deren Landesregierungen und Verwaltungen beraten.Ich stehe jedem demokratischen Politiker zur Verfügung, wenn er mich fragt.

TAGESSPIEGEL: Gerhard Schröder hat Sie gefragt.Was interessiert Sie an dem SPD-Kanzlerkandidaten?

BERGER: Seine Intelligenz, sein gutes Gedächtnis, seine immense Lernbereitschaft und Lernfähigkeit, sein pragmatisches, ideologiefreies Handeln und Denken und seine Bereitschaft, unkonventionelle Wege zu gehen und sich in Widerspruch zu seiner Partei zu setzen.Auch der Ansatz, sich mit Quereinsteigern zu umgeben, gefällt mir.Er geht neue Wege.Das ist das, was wir brauchen.

TAGESSPIEGEL: Halten Sie es für sinnvoll, daß die SPD einen Unternehmer an den Kabinettisch holen will?

BERGER: Gute Entscheidungen und gute Politik entstehen aus Kontroversen.Jeder Nonkonformist in einer Regierung ist eine Bereicherung.Möglicherweise war das auch ein Nachteil der amtierenden Regierung, daß mit Ausnahme der CSU zu wenig Konfliktbereitschaft vorhanden war.

TAGESSPIEGEL: Sie sind bekennender CSU-Wähler, wollen Schröder beraten und stehen zu einem neoliberalen Kurs.Wie paßt das alles unter einen Hut?

BERGER: Ausgezeichnet.Ich ändere ja meine Ratschläge nicht.Im Gegenteil.Nein, es gehört zu den typisch deutschen Problemen, daß wir nur in Lagerkategorien denken.In den USA beispielsweise ist es doch völlig normal, daß ein Republikaner in das Kabinett von Bill Clinton eintritt.Wir müssen uns von diesem Schablonen-Denken verabschieden.Anders können wir die Reformen, die wir brauchen, nicht umsetzen.

TAGESSPIEGEL: Welche Reformen müßte eine neue Regierung jetzt angehen?

BERGER: Vordringliches Ziel ist, die Zahl der Arbeitslosen zu verringern.Zweitens muß die Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit Deutschlands gestärkt und drittens diese Gesellschaft wieder zusammengeführt werden.DieSchattenwirtschaft, die etwa 15 Prozent des Bruttoinlandproduktes erreicht, bricht die Gesellschaft doch förmlich auseinander.Die Wirtschaft geht zunehmend ihren eigenen Weg und die Politik trottet sehr viel langsamer hinterher.Der existenzielle Zusammenhalt in unserer Bevölkerung zerbricht doch mehr und mehr!

TAGESSPIEGEL: Was kann man dagegen tun?

BERGER: Der Einfluß des Staates muß zurückgedrängt werden.Heute macht er viel zuviel.Man muß wohl erstens die staatlichen Aufgaben auf ihren Kern zurückführen, zweitens die sozialen Sicherungssysteme reformieren und sie auf die wirklich Bedürftigen konzentrieren.Drittens muß man den Subventionsdschungel durchforsten und viertens eine echte Steuerreform durchführen, die die Steuerbürger wirklich entlastet.

TAGESSPIEGEL: Genau dafür steht eine mögliche SPD-Regierung aber gerade nicht.

BERGER: Ja, weil die SPD nicht von der Hypothese ausgeht, daß Staatswirtschaft schädlich ist.Doch das ist genau der Punkt, an dem man anfangen muß.Warum muß denn der Staat Wohnungs- oder Vermögensverwaltung betreiben? Warum muß er überhaupt Unternehmen besitzen? Es gibt überhaupt keinen plausiblen Grund dafür.Im übrigen müssen wir dringend unserem Bildungssystem auf die Beine helfen.Wir brauchen auch Eliten.Sie sind die Lokomotiven, die den Zug ziehen.Und schließlich brauchen wir ein Programm, das das Unternehmertum in Ostdeutschland fördert.Von Transfers allein, davon zwei Drittel für den Konsum, und einigen, wenigen Großansiedlungen kann Ostdeutschland nicht gesunden.

TAGESSPIEGEL: Rechnen Sie damit, daß eine neue Regierung all das sofort anpacken wird?

BERGER: Ich rechne nicht mit spektakulären Aktionen einer neuen Regierung.Zumindest nicht am Anfang.Man wird sich zunächst zusammenraufen müssen.Außerdem kommt das auch auf die Partner an.Mit der Mehrheit einer Großen Koalition ließe sich einiges mehr und schneller durchsetzen...

TAGESSPIEGEL: ...als mit Rot-Grün ?

BERGER: Auf alle Fälle.Möglicherweise brauchen wir aber auch noch eine Verfassungsreform, die ein Mehrheitswahlrecht möglich macht, damit die Politik reformfähig wird.

TAGESSPIEGEL: Was halten Sie von der Mindeststeuer, die Schröder will?

BERGER: Im Grunde ist das kein sinnvolles Konzept.Welcher Existenzgründer könnte die denn in den verlustbringenden Aufbaujahren bezahlen? Er wäre doch schon pleite, bevor er anfängt!

TAGESSPIEGEL: Reicht die von den Sozialdemokraten geplante Reduzierung des Spitzensteuersatzes denn aus?

BERGER: Natürlich nicht.Mit 49 Prozent wird man keinen zusätzlichen Investor für dieses Land gewinnen können.

TAGESSPIEGEL: Und was halten Sie von der geplanten Wiedereinführung der Vermögensteuer?

BERGER: Das wäre eine Katastrophe für den Hochtechnologie-Standort Deutschland.Kein Unternehmer könnte eine Vermögensteuer aus den laufenden Einnahmen finanzieren.Das würde sein erarbeitetes Vermögen aufzehren!

TAGESSPIEGEL: Was halten Sie grundsätzlich von neuen Steuern?

BERGER: Ich liege da auf der Linie der Bareis-Kommission.Auch ich bin dafür, die Steuerbasis zu verbreitern und im Gegenzug die Steuersätze zu senken.Das schließt die Einführung neuer Steuern nicht aus.

TAGESSPIEGEL: Und wie stehen Sie zur Spekulationssteuer auf Aktienanlagen?

BERGER: Ich halte eine Aktiensteuer durchaus für machbar.So wie die Weltkapitalmärkte heute strukturiert sind, würden Aktien- und Kapitalmarkt in Deutschland nicht darunter leiden.Auch auf dem größten Kapitalmarkt der Welt, den USA, gibt es eine Kursgewinnbesteuerung.

TAGESSPIEGEL: Eine neue Aktiensteuer würde aber doch nicht gerade das Aktiensparen als Alternative zur staatlichen Altersvorsorge fördern.

BERGER: Sehen Sie, das ist genau das Problem, das ich meine.Schon sind wir wieder dabei, uns Gedanken darüber zu machen, was für die Menschen am besten ist.Der Staat soll dies und jenes fördern.Ob es nun um Aktienanlagen geht oder um Immobilien-Investitionen in den neuen Ländern.Was geht das den Staat an?

TAGESSPIEGEL: Wollen Sie den Nachtwächterstaat, einen Staat, der sich ganz zurückzieht?

BERGER: Nein.Der Staat hat für die Lebensqualität der Menschen zu sorgen.Er muß die hoheitlichen Aufgaben erfüllen, für den Rechtsstaat sorgen, für die Sicherheit, für die Infrastruktur.Natürlich hat der Staat auch eine soziale Ausgleichsfunktion.

TAGESSPIEGEL: Hat die Regierung Kohl ihre Chancen verspielt?

BERGER: Ich sehe zwei gravierende Fehler.Erstens hat die Regierung die Chancen für eine radikale Steuerreform verspielt.Sie hat zu lange gezögert.Und zweitens hat sie die sozialen Sicherungssysteme nicht reformiert.Das hat wohl auch damit zu tun, daß Helmut Kohl die Bedeutung der Wirtschafts- und Ordnungspolitik unterschätzt hat.

TAGESSPIEGEL: Was muß jetzt geschehen?

BERGER: Man muß den Leuten endlich klaren Wein einschenken.Es hat keinen Zweck mehr, um den heißen Brei herumzureden.Natürlich darf den alten Menschen das Recht auf ihre Rente nicht genommen werden.Darüber hinaus muß man der steigenden Lebenserwartung Rechnung tragen, indem man nur noch verminderte Rentenzuwachsraten zuläßt.

TAGESSPIEGEL: Genau das will die SPD aber auch nicht.

BERGER: Mir ist nicht klar, wie sie das dann finanzieren will.Grundsätzlich aber empfehle ich, das Umlageverfahren auf dem ja unser Generationenvertrag beruht, beizubehalten.Er muß aber auf eine Mindestsicherung reduziert werden.Darüber hinaus sollte jeder seine gewünschte Zusatz-Rente selber finanzieren.Dazu wäre dann ein Kapitaldeckungsverfahren empfehlenswert.Im übrigen machen die Ungarn genau das.

TAGESSPIEGEL: Haben wir nur ein Politik-Problem, oder auch ein Managementproblem?

BERGER: Natürlich sind auch in den Unternehmen viele Fehler gemacht worden.Die Bedeutung der Mikroelektronik wurde zu spät erkannt.Auch der Einheitsboom hat manchen von entscheidenden unternehmerischen Schritten abgehalten.Seit 1993 aber gibt es in der deutschen Unternehmenslandschaft spürbare Veränderungen.Alle bedeutenden Firmen haben neue Chefs mit internationaler Praxis, die außerdem streng markt- und innovationsorientiert sind.

TAGESSPIEGEL: Führt die Globalisierung zur Vernachlässigung nationaler Pflichten?

BERGER: Globalisierung ist ja nicht mit der Aufgabe nationaler Standorte gleichzusetzen.Und die globale Expansion der Geschäftstätigkeit sichert bekanntlich gerade qualifizierte Arbeitsplätze im eigenen Land.Im übrigen stehen die Unternehmer natürlich weltweit national in der Pflicht.Wir vergessen allzu leicht: Fünf von sechs Milliarden Menschen in der Welt warten dringend auf Arbeit, auf ein Minimum an Wohlstand.Mit anderen Worten: Globalisierung ist eine wirtschaftliche Notwendigkeit, aber auch ein Beitrag zum Weltfrieden und ein durch und durch moralisches Anliegen.Sie nutzt also jedem Deutschen durch ein Mehr an inhaltsreicherer Arbeit und die Sicherung seiner Zukunft.

TAGESSPIEGEL: Was empfehlen Sie zum Abbau der Arbeitslosigkeit?

BERGER: Generell müssen wir den Wandel zur Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft schneller bewältigen, dann reichen auch geringere Wachstumsraten aus, um mehr Jobs zu schaffen; so wie es zur Zeit bereits in den USA der Fall ist.In den Staaten führen heute schon 0,6 Prozent Wachstum zu mehr Jobs; wir brauchen dazu ein Wachstum von mindestens 2,4 Prozent.Arbeit ist bei uns nach wie vor zu leicht durch Kapital ersetzbar.Außerdem benötigen wir mehr Wachstum durch mehr Innovationen und natürlich brauchen wir den Strukturwandel flankiert von einer maßvollen Lohnpolitik.Und schließlich bleibt uns die Umverteilung von Arbeit als eine Alternative des Teilens, die freilich nicht mehr Wohlstand schafft.In diesem Rahmen macht übrigens auch ein Bündnis für Arbeit durchaus Sinn.

TAGESSPIEGEL: Glauben Sie, daß neue Jobs am Runden Tisch geplant werden können?

BERGER: Im Sinne einer konzertierten Aktion à la Karl Schiller können eine gemeinsame Bestandsaufnahme, eine gemeiname Definition von Zielen und daraus abgeleitete Verpflichtungen zu Maßnahmen durchaus weiterhelfen.

TAGESSPIEGEL: Gibt es eine Alternative zum Geist der Shareholder-Values?

BERGER: Wir haben doch die Aktionäre in Deutschland jahrelang mies behandelt; ganz nach dem Motto des Bankiers Fürstenberg: "Unsere Aktionäre sind dumm und frech; dumm, weil sie uns Geld geben und frech, weil sie dafür auch noch etwas haben wollen." Seit einigen Jahren haben wir Deutsche nun auch entdeckt, daß das Kapital kein ganz unerheblicher Produktionsfaktor ist.Außerdem weiß doch jeder Unternehmer, daß er zunächst einmal seine Kundschaft zufriedenstellen muß, was selbstverständlich nur mit entsprechend motivierten Mitarbeitern möglich ist.

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