Wirtschaft : Die Wirtschaft ist verantwortungslos und das ist gut für den Fortschritt

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Funkionierende internationale Kapitalmärkte sind die Korrektur einer korrupten Politik. Sie belohnen gute und bestrafen schlechte Politik. Carl Christian von Weizsäcker, Ökonom aus Köln und lange Jahre Mitglied der Monopolkommission, hat diese These am Wochenende bei den 117. Bergerdorfer Gesprächen in Berlin vorgetragen. Weizsäcker führte für seine Provokation ein historisches Beispiel an: Die Kapitalmärkte haben nach der Regierungsübernahme von Margaret Thatcher erkannt, dass das Land auf dem Weg zu einer besseren Wirtschaftspolitik sei. Investitionen nach Großbritannien reduzierten das Staatsdefizit und trugen damit zur Gesundung seiner Volkswirtschaft bei.

Weizsäcker ist ein Wissenschaftler, der der Globalisierung viel guten Seiten abgewinnt. In der Gesellschaft gebe es zentrierende und zentrifugale Kräfte. Zentrierend sind Staat, Gewerkschaften, Verbände oder Bildung. Sie verpflichtend sich auf das Gemeinwohl und wollen den Status quo erhalten. Zentrifugal ausgerichtet sind Wissenschaft und Wirtschaft. Beide sind, weil verantwortungslos, maßgebend für Veränderung und Wachstum. Beide müssten in Balance gehalten werden, sagte Weizsäcker. Lange Zeit habe aber der Staat ein Übergewicht gehabt, was zur Erstarrung Deutschlands und Rückfall im Standort-Wettbewerb geführt habe.

Jetzt übernehmen die dynamischen Kräfte die treibende Rolle: Das Tempo der Fusionen - vorerst letztes Beispiel ist der angekündigte Zusammenschluss von Deutscher und Dresdner Bank - weist auf eine Arbeitsteilung und Professionalisierung der Märkte. Die Kunden erhalten gute Renditen; die Fondsmanager sind Spezialisten für ertragreiche Investments. Weniger Staat wird belohnt. Die Privatisierung des Strommarktes ist Indiz für die zunehmende Entpolitisierung der Wirtschaft. Leistungsträger statt Beamte führen Unternehmen. Aber auch dem Staat täte eine Professionalisierung seiner Administration gut.

Neben dem Fieber der Fusionen gibt es das Fieber der Aktionäre. "Gelten in der Neuen Ökonomie neue Bewertungsgesetzte?" Bezogen auf die Standardwerte am Aktienmarkt wäre die Entkoppelung der Börsenkurse von den fundamentalen Daten der Unternehmensergebnisse als skandalös anzusehen und vom Kauf abzuraten.

Aber bei den neuen Technologiewerten ist es anders; Unternehmensverluste und Kursgewinne schließen sich nicht aus. "Beim nächsten Crash redet ihr anders", entgegnen die Skeptiker. Die Verteidiger - wie von Weizsäcker - bleiben dagegen unerschrocken: Vor dem Risiko, dass die Spekualtionsblase von Infineon und all der anderen schicken Aktien platzt - ist kein Anlieger geschützt. Aber es wäre für einen guten Zweck: Die technische Innovation unserer Märkte.

Der Bergedorfer Gesprächskreis, getragen von der Hamburger Körber-Stiftung, wurde in den frühen 60er Jahren gegründet. Ziel ist es, Politiker, Wissenschaftler und Unternehmer unterschiedlicher politischer Standpunkte und gesellschaftlicher Positionen zusammen zu führen.

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