Wirtschaft : Die Zahl der Vollzeitstellen sinkt rapide

Sechs Millionen Jobs sind in den vergangenen Jahren abgebaut worden – der Trend zu Teilzeit und Mini-Jobs wird sich fortsetzen

Dagmar Rosenfeld

Berlin - Für Arbeitnehmer in Deutschland wird es in den kommenden Jahren zunehmend schwieriger werden, eine unbefristete Vollzeitanstellung zu finden. Dieses traditionelle Normalarbeitsverhältnis verliere immer mehr an Bedeutung, heißt es im Monatsbericht für Juli der Deutschen Bundesbank. Das sei ein Trend, der in allen Wirtschaftszweigen erkennbar sei.

„Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Vollzeitbeschäftigten in Deutschland ist in den vergangenen Jahren massiv gesunken“, sagte Michael Hüther, Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft Köln (IW) dem Tagesspiegel. Gleichzeitig hätten alternative Beschäftigungsformen wie Teilzeitarbeit und Minijobs auf dem deutschen Arbeitsmarkt an Bedeutung gewonnen. „Ein Trend der sich weiter fortsetzen wird“, sagte Hilmar Schneider, Direktor Arbeitsmarktpolitik des Forschungsinstituts IZA in Bonn. „Derzeit weden jeden Tag in Deutschland 1000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse abgebaut.“

Seit Anfang der 90er Jahre ist die Zahl der Vollzeitbeschäftigten drastisch gesunken: zwischen 1991 und 2004 um rund sechs Millionen auf 23,75 Millionen, wie es im Bundesbankbericht heißt. Das ist ein Rückgang von fast 20 Prozent. Gleichzeitig hat sich der Anteil der Arbeitnehmer mit Teilzeitstellen und einer geringfügigen Beschäftigung nahezu verdoppelt. Nach wie vor sind es überwiegend Frauen, die die Teilzeitarbeit nutzen. Gestiegen ist auch die Zahl der Selbstständigen – und zwar um fast 20 Prozent auf 4,25 Millionen. Dabei lag die Gesamtzahl der Erwerbstätigen sowohl 1991 als auch 2004 bei rund 39 Millionen.

Der Rückgang der Vollzeitarbeit und der gleichzeitige Anstieg von Teilzeit sprechen für die These der Gewerkschaften, dass Unternehmen im großem Stil Vollzeit- in Teilzeitstellen umgewandelt haben. Eine These, die der Bundesbankbericht allerdings nicht bestätigt. „Personal ist überwiegend in der Industrie und Bauwirtschaft abgebaut worden, wohingegen neue Beschäftigungsverhältnisse im Dienstleistungsbereich entstanden sind“, sagte Hans-Georg Wehls, Mitautor des Berichts, dem Tagesspiegel. Vor allem im Handel und der Gastronomie seien der flexible, aber nicht volle Zeiteinsatz einer Arbeitskraft gefragt. „Die Zunahme von Teilzeitarbeit und geringfügiger Beschäftigung ist also vornehmlich durch den Wandel von einer Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft zu erklären“, sagte Wehls.

Laut IZA-Direktor Schneider sind in den vergangenen Jahren vor allem sozialversicherungspflichtige Vollzeitstellen im unteren Lohnbereich abgebaut worden. „Das ist ein Symptom des überbordenden Sozialstaats“, sagte Schneider. Denn in Deutschland seien die Lohnnebenkosten so hoch, dass einfache Tätigkeiten nicht mehr bezahlbar seien. „Den Stellenabbau hat die Politik noch beschleunigt, indem sie Mini-Jobs so attraktiv gemacht hat“, sagte Schneider. Im Januar 2003 wurde im Zuge des Hartz-II-Gesetzes die geringfügige Beschäftigung neu geregelt: Mini-Jobs bis zu einer Einkommensgrenze von 400 Euro sind für Arbeitnehmer abgabenfrei.

„Der Staat wird um eine Reform seines Sozialversicherungssystems nicht herum kommen, wenn er die Lohnkosten senken will“, sagte Schneider. Niedrigere Beitragssätze seien allerdings nur dann möglich, wenn im Gegenzug auch der Leistungsanspruch zurückgefahren werde. Die Politik aber traue sich nicht, die vorhandenen Einsparpotenziale zu nutzen, kritisierte Schneider. „Im Gegenteil, Union, SPD und Grüne wollen beispielsweise den Beschluss zur Kürzung der Bezugsdauer des Arbeitslosengelds ohne Not wieder rückgängig machen“, sagte er. Mit solchen Entscheidungen sorge die Politik dafür, dass die Beitragssätze letztendlich höher sind als sie sein müssten.

Damit einfache Tätigkeiten mit geringem Einkommen wieder attraktiv werden, forderte IW-Chef Hüther, endlich einen funktionierenden Niedriglohnsektor in Deutschland zu schaffen. „ Wir müssen mit geringfügiger Beschäftigung ehrlich umgehen und der Tatsache Rechnung tragen, dass die Zahl der Menschen, deren Einkommen nicht ausreicht, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, weiter steigen wird“, sagte Hüther dem Tagesspiegel. Er sprach sich dafür aus, ein Kombieinkommen einzuführen – eine Kombination aus Arbeitseinkommen und staatlicher Transferleistung.

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