Wirtschaft : Die Zeit der einfachen Entscheidung ist vorbei. Wer fünf Berater fragt, bekommt fünf Meinungen

Rolf Obertreis

Es ist noch gar nicht so lange her, da hatte es der Anleger einfach, sehr einfach sogar. Und mit ihm sein Anlageberater bei Bank oder Sparkasse. Die Zinsen waren niedrig, verbunden mit der Aussicht, dass sie zumindest auf diesem Niveau verharren, wenn nicht sogar weiter sinken. Und die Aktienkurse zeigten fast täglich nach oben. Festverzinsliche Wertpapiere waren unattraktiv, Aktien die Renner.

Aber diese Zeiten sind vorbei: Zinsängste prägen das Geschehen, die Börsen zeigen sich wankelmütig mit einem Trend eher nach unten als nach oben. Eine Entwicklung, die US-Notenbank-Chef Alan Greenspan mit seinen regelmäßigen direkten oder indirekten kritischen Äußerungen zur angeblichen Blase am Aktienmarkt kräftig anheizt. Für Anlageberater und Anleger ist das Geschäft schwieriger geworden. Ein gewisse Orientierungslosigkeit hat sich breit gemacht. Ein simples Rezept hilft nicht mehr: Wer fünf Anlageberater fragt, bekommt fünf verschiedene Meinungen.

Karl-Dietrich Gräff, Wertpapierstratege der Commerzbank, plädiert für eine defensive Strategie am Aktienmarkt. "Die Positionen sollten auf ein normales Maß zurückgefahren werden." Verkaufen statt Kaufenheißt derzeit seine Devise. Die Liquidität im Depot soll erhöht werden, das Geld aufs Konto oder in Geldmarktfonds gesteckt werden, um bei Bedarf und niedrigen Kursen wieder zu kaufen. "Zehn Prozent kann die Börse noch runter gehen", sagt Gräff. Engagements im Aktien hält er derzeit allenfalls in Europa für tragbar, etwa im Informationsbereich oder bei Standardwerten wie RWE oder Bayer. In den USA rät er zu großer Vorsicht und allenfalls zu sehr ausgewählten Werten. Japan ist für den Commerzbanker eine Alternative, nachdem dort der Boden erreicht worden sei. Lukrativ erscheinen Gräff dagegen wieder Anleihen, in erster Linie im Euro-Raum. Er schielt dabei auf lange Laufzeiten. "Zehn Jahre sind bei einer Rendite von 5,4 bis 5,6 Prozent wieder interessant." Das sind immerhin rund zwei Prozentpunkte mehr als noch am Jahresanfang. Von Anleihen mit kürzeren Laufzeiten von fünf Jahren und weniger rät er ab. Die Rendite sei einfach zu gering.

Anders sieht dies Bernd Witt, Anlagestratege der BHF-Bank. Er rät trotz der gestiegenen Zinsen von langen Laufzeiten bei Rentenpapieren ab und hält drei bis fünf Jahre derzeit für sinnvoll. Für Anleger mit einer hohen Steuerbelastung hat er noch eine andere Variante im Auge: Anleihen, die am Jahresanfang mit einer Laufzeit von vier Jahren aufgelegt wurden, liegen zur Zeit mit Kursen von 92 oder 93 deutlich unter dem Emissionsniveau. Trotz einer Verzinsung von nur 2,5 Prozent hält sie Witt für attraktiv, weil ein Teil der Rendite am Ende steuerfrei anfällt. "Um nach Steuern eine ähnliche Rendite zu erreichen, müsste man jetzt eine Anleihe mit 7,5 Prozent kaufen. Die gibt es aber nicht."

Mit Blick auf Aktien hat Witt zwar Respekt. "Trotzdem ist jetzt eher die Zeit zum Kaufen als zum Verkaufen, auch wenn der Zins zum ernsthaften Konkurrenten für die Aktie geworden ist." Angesichts einer wieder anziehenden Konjunktur sieht Witt bei den Unternehmen wieder Gewinnphantasie. Aber die Zeit der großen Hausse an der Börse sei vorbei, durchschnittliche Kurssteigerungen von 15 oder 20 Prozent pro Jahr werde man so schnell nicht mehr sehen. "Es werden kleinere Brötchen gebacken. Sie sind aber nicht unbedingt schlechter." Der Anleger müsse sich auch auf größere Unsicherheit und größere Kursschwankungen einstellen.

Auf seiner Empfehlungsliste hat Witt eine ganze Reihe von Werten, darunter etliche, die deutschen Anlegern nicht unbedingt geläufig sind. Zu den bekannten Aktien gehören Novartis, Bayer, Veba, Deutsche Bank, Hewlett Packard oder Akzo. Exotischer, aber nach Ansicht von Witt nicht weniger interessant, sind Swisscom, das niederländische Logistik-Unternehmen TNT Postgroup oder der spanische Versorger Endesa.

Wieder anders beurteilt Wilfried Rösner von BfG Bank die Lage. Bei festverzinslichen Papieren rät er zu kurzen Laufzeiten von einem Jahr. Alles was darüber hinausgehe, sei zwar mit Blick auf die Rendite interessanter. "Aber es wird wohl weitere Zinssteigerungen geben und deshalb bringen längere und lange Laufzeiten nicht viel."

Auch Witt sieht den Aktienmarkt nicht so schwarz wie andere. Selektive Käufe von Standardwerten hält er derzeit für angebracht: Nach den deutlichen Kursrückgängen der vergangenen Wochen seien Aktien wie Siemens, Daimler oder Volkswagen wieder interessant. Mittel- und langfristig ist Rösner für den Aktienmarkt positiv gestimmt. Am Jahresende sieht er den Deutschen Aktienindex trotz steigender Zinsen bei 5400 bis 5500 Punkten, in einem Jahr sogar bei 5800 Punkten. Eine Entwicklung, die gleichwohl mit deutlichen Schwankungen vor sich gehen werde. Bei der Deutschen Bank beklagt Alfred Roelli, Leiter der Anlagestrategie für Privatkunden, die derzeit "orientierungslosen Märkte".

Am Aktienmarkt sehen die Deutschbanker Risiken, weil derzeit sehr wenig gehandelt wird. Dazu kommt zumindest in Deutschland die immer noch fehlende breite Verankerung der Aktie. Damit kann die Börse, wenn ein wichtiges negatives Ereignis eintritt, schnell wieder nach unten rauschen. "Trotzdem bleiben wir vorsichtige Optimisten." Roelli allerdings rät den Anlegern derzeit, einen, durchaus gewichtigen Teil ihres Portofolios flüssig zu halten oder das Geld in Rentenpapiere mit einer Laufzeit zwischen drei und sechs Jahren zu stecken. Dabei plädieren die Deutschbanker in erster Linie für Unternehmensanleihen sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in Euroland.

Aufgrund der übertriebenen Ängste mit Blick auf den Jahrtausendwechsel gebe es derzeit "sehr attraktive Renditeaufschläge" gegenüber Staatsanleihen. Gleichzeitig aber solle man auf die europäischen Aktienmärkte achten. Hier gebe es nach wie vor für den Privatanleger ein ausgezeichnetes Verhältnis zwischen Risiko und Ertrag. "Daran wird auch eine leichte Anhebung der Zinsen nichts ändern, da die Gewinnaussichten ohne übertriebenen Wirtschaftsoptimismus - aber mit Blick auf die anhaltenden Restrukturierungsbemühungen - gut sind." Zudem sieht Roelli immer noch beträchtliche Fusionsphantasie - was die letzten mit den Ereignissen im Mobilfunkbereich nachhaltig belegt haben.

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