Wirtschaft : Die Zeit des "Wanderpredigers der Börse" ist um. Schon vor einer Woche starb er in Paris

Vanessa Liertz

Noch mit 93 Jahren eilte er von Termin zu Termin, hielt mal hier und mal dort mit großen Gesten einen Vortrag, und blickte dabei mit leuchtenden Augen nach vorne. Doch nun ist seine Zeit um. Schon am Dienstag vergangener Woche ist der berühmte Spekulant André Kostolany in Paris gestorben. Damit hat sich ein Mann aus der internationalen Finanzwelt verabschiedet, der mehr war als ein erfolgreicher Aktionär. Schon seit Jahren genoss der gebürtige Ungar den Ruf eines Börsengurus, der das Geschehen auf den Parketts dieser Welt so manches Mal durchschaute. Gern gab er seine Ansicht über die Zukunft des Euro oder des Dollar mit viel Esprit preis - aber für konkrete Tips war Kostolany nie zu haben. Darüber schwieg der zierliche Mann, der sich als "Wanderprediger der Börse" bezeichnete. Er warnte stattdessen lieber vor den Empfehlungen von Bankmitarbeitern ebenso wie vor den Berechnungen von Volkswirtschaftsprofessoren. Denn er selbst glaubte nicht daran.

Kostolany, der sein Geld mal mit Aktien von beinahe bankrotten US-Firmen verdiente und mal mit alten Zar-Anleihen, setzte auf Intuition und auf Erfahrung. Und seine Laufbahn war durchaus nicht gradlinig: Schließlich hatte Kostolany selbst zweimal sein gesamtes Vermögen verloren.

Schon früh begann er mit dem Spekulieren. Mit 18 Jahren handelte er an der Pariser Börse mit Optionen. Dabei wollte der am 9. Februar 1906 geborene Sohn eines wohlhabenden Industriellen Musikkritiker werden und studierte deswegen Philosophie und Kunstgeschichte an der Universität Budapest. Doch sein Vater empfahl ihm, bei dem mit der Familie befreundeten Börsenmakler Adrien Perquel in Paris eine Lehre zu machen und ermöglichte ihm damit die spätere finanzielle Freiheit, nachdem das Vermögen der Familie im zweiten Weltkrieg zusammengeschmolzen war.

Aus Paris musste der katholisch erzogene Kostolany im Jahre 1941 vor dem Einmarsch der deutschen Truppen fliehen, weil er jüdische Großeltern hatte. Er ging nach Amerika. Dort arbeitete er knapp zehn Jahre als Berater an der Wall Street und widmete sich europäischen Finanzproblemen. Bald hatte er sich ein kleines Vermögen zusammenspekuliert, von dessen Zinsen er bequem hätte leben können. Aber Kostolany wollte nie in den Tag hinein leben. Also stellte er sich bei dem Brokerhaus Goldman Sachs vor. Dabei erzählte er dem erstaunten Personalchef, dass er sich wünsche, bei einer so berühmten Firma einzutreten und dafür bereit sei, auf sein Salär zu verzichten. Das Brokerhaus mit der Begründung ab, dass er nur lernen wolle und gar nicht auf eine Karriere aus sei.

Und eine Karriere im klassischen Sinne hat Kostolany auch nie gemacht. In seiner üblichen humoristischen Art hat er auch diese Episode seines Lebens kommentiert: Er sei eben "ein Hippie der internationalen Finanzwelt" geblieben. Ob ein Mann, der nach eigenen Worten gerade dann Kaviar aß, wenn der Dow Jones niedrig lag, unbedingt ein Hippie ist, mag dahingestellt sein. Sicher aber ist es nicht typisch für einen Spekulanten, zugleich so viel Erfolg mit Artikeln, Büchern, Fernsehauftritten und Seminaren zu haben. Zuletzt trat er sogar in einem Werbespot auf. Bis vor kurzem war der Grandseigneur in einer Sendung der Firma Audi zu sehen: Kostolany sitzt in einem Audi A8, dessen Fahrgestell zu einem Großteil aus Aluminium besteht, und fährt durch die Straßen von Budapest. Dabei gibt er in seinem ungarisch-deutschen Sing-Sang Weisheiten über das Leben und das Geld zum Besten. Alle wollten Tips von ihm, sagt er. Aber er habe nur einen Ratschlag parat: "Denken Sie mal über Aluminium-Aktien nach." Es hat dem Börsenfuchs Spaß gemacht, dass daraufhin die Kurse der Aluminiumaktien in die Höhe schnellten. So war sein einziger öffentlicher Aktientip ein geistreicher Scherz. Wieder mal einer, von dem niemand weiß, ob er es doch ein kleines bisschen ernst gemeint hat.

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