Wirtschaft : Die Zeit läuft

NRW-Arbeitsminister Schartau will sich für ältere Arbeitslose einsetzen – die finden kaum neue Jobs

Cordula Eubel

Berlin - Nordrhein-Westfalens Arbeitsminister Harald Schartau (SPD) will sich für ältere Arbeitslose einsetzen. Schartau forderte im „Tagesspiegel“ einen „Aufstand“ gegen die Unternehmenspraxis, Arbeitnehmer über 50 „abzustempeln“. Betriebe und Gesellschaft müssten mit dem „systematisch verbreiteten Vorurteil“ aufräumen, dass Ältere weniger leistungsfähig seien. „Studien belegen, dass über 50-Jährige besser mit Stress umgehen können, weil sie die Berufserfahrung haben“, sagte Schartau dem Tagesspiegel. „Wir müssen den Jugendwahn auf dem Arbeitsmarkt beenden.“

Von den mehr als fünf Millionen Arbeitslosen in Deutschland ist ein Viertel über 50 Jahre alt – aktuell sind es 1,253 Millionen Menschen. Ost und West sind gleichermaßen betroffen: 800500 Arbeitslose im Westen und 452800 im Osten sind über 50. Wer in dem Alter einmal seinen Job verliert, findet schwer eine neue Stelle.

Mit einer neuen Initiative will auch Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) die Beschäftigungschancen von Arbeitslosengeld-II-Empfängern erhöhen, die älter als 58 Jahre sind. Bundesweit sollen 50 regionale Beschäftigungspakte für die Integration älterer Langzeitarbeitsloser mit 250 Millionen Euro gefördert werden. Außerdem will er mit der Wirtschaft einen Pakt schließen, um die Beschäftigung Älterer voranzutreiben. Gemeinsam mit den Ländern will Clement 50000 zusätzliche Ein-Euro-Jobs mit einer Dauer von bis zu drei Jahren schaffen. Schartau begrüßt diese Initiative. „Wenn der Bund das Programm finanziert, finde ich das in Ordnung“, sagte Schartau. Die Zusatzjobs, die bis zu drei Jahre dauern sollen, könnten ein „angemessener Übergang in die Rente“ sein. Nordhrein-Westfalen startet darüber hinaus in diesem Jahr 32 Projekte für ältere Langzeitarbeitslose. Gesetzliche Änderungen für die Beschäftigung älterer Arbeitnehmer hält NRW-Arbeitsminister Schartau nicht für notwendig. „Der Kündigungsschutz für über 50-Jährige ist schon jetzt faktisch ausgehebelt dadurch, dass Unternehmen befristete Verträge schließen können“, sagt Schartau. Auch Bundeswirtschaftsminister Clement verweist darauf, dass es Lohnkostenzuschüsse gibt, die bis zu drei Jahre lang gezahlt werden. Außerdem können Arbeitgeber die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung sparen, wenn sie über 55-Jährige einstellen. Das Problem: Vor allem kleinere Betriebe kennen diese Möglichkeiten noch nicht.

Bis Anfang Februar 2006 muss nach Ansicht von Schartau dafür gesorgt werden, dass über 55-Jährige nicht länger als 18 Monate arbeitslos sind. Dann nämlich wird die maximale Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes I von derzeit 32 auf 18 Monate reduziert. Auch ältere Arbeitslose, die länger ohne einen Job sind, erhalten nur noch das Arbeitslosengeld II, das im Normalfall deutlich niedriger ausfällt.

„Ältere Arbeitslose müssen in den Arbeitsagenturen mindestens so intensiv betreut werden wie die jüngeren“, forderte deshalb der SPD-Politiker Schartau. Bei den unter 25-Jährigen kommen auf einen Vermittler 75 Arbeitslose. Wer älter als 25 ist, für den ist bisher ein Betreuungsschlüssel von 1 zu 140 vorgesehen.

Ein paar Unternehmen stellen sich immerhin gegen den Trend: In NRW testen zwölf Betriebe, unterstützt von DGB und den Arbeitgeberverbänden, wie die Arbeitsbedingungen so gestaltet werden können, dass eine Beschäftigung bis zum 65. Lebensjahr möglich ist.

Heute sind bundesweit nicht einmal 40 Prozent der 55- bis 65-Jährigen noch erwerbstätig. Im nächsten Jahrzehnt wird sich das durch die demografische Entwicklung ändern. Dann wachsen nicht mehr ausreichend junge Fachkräfte nach, um die Stellen zu besetzen. Unternehmen werden dann gezwungen sein, auch auf erfahrene ältere Kräfte zu bauen. Damit Ältere bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben, muss laut Schartau auch die innerbetriebliche Sozialpolitik neu ausgerichtet werden. „Wenn ein Unternehmen Personal abbaut, dürfen es nicht in erster Linie die Älteren sein, die mit einem goldenen Handschlag verabschiedet werden.“ Entlassungen müssten sich nach der Altersstruktur des Unternehmens richten, meint Schartau.

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