Wirtschaft : „Die Zentrale muss in Berlin bleiben“

Bürgermeister Klaus Wowereit fürchtet negative Folgen für die Hauptstadt

C. Brönstrup/D. Rosenfeld

Berlin - Politik und Wirtschaft in Berlin haben mit Besorgnis auf eine mögliche feindliche Übernahme des Pharmakonzerns Schering reagiert. Klaus Wowereit (SPD), der Regierende Bürgermeister, will sich für einen Erhalt des Unternehmens einsetzen. Der Senat habe das dringende Interesse, „dass die Schering-Zentrale in Berlin bleibt und die Arbeitsplätze gesichert werden“, sagte er dieser Zeitung. Auch Friedbert Pflüger, Spitzenkandidat der Berliner CDU, sicherte Schering die Unterstützung seiner Partei zu. „Wir werden im Rahmen der politischen Möglichkeiten alles dafür tun, damit der Konzern Berlin erhalten bleibt“, sagte Pflüger dem Tagesspiegel. Jan Eder, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Berlin (IHK), forderte: „Wenn es zu einer Zusammenlegung kommen sollte, muss der Vorstand in Berlin angesiedelt sein.“

Wowereit und Pflüger sagten , sie seien mit Schering und mit Merck im Gespräch und hätten sich in ersten Telefonaten die Standpunkte beider Seiten erläutern lassen. Weitere Gesprächstermine wurden dem Vernehmen nach vereinbart.

Schering beschäftigt in Berlin 5800 Mitarbeiter – ein Drittel davon in der Produktion, zwei Drittel in der Forschung. Weltweit sind es 24 600 Mitarbeiter. Im Rahmen eines Sparprogramms waren allerdings bis Ende vergangenen Jahres in Berlin 250 und weltweit 2000 Stellen abgebaut worden. Produziert werden in Berlin flüssige Arzneien, etwa Kontrastmittel, und feste, also Pillen wie die Antibaby-Pille Yasmin. Die Wirkstoffe dafür kommen aus dem Werk Bergkamen in Nordrhein-Westfalen, eine weitere Fabrik gibt es in Weimar. Vom Sitz der Konzernzentrale in der Stadt profitieren rund 1000 Zulieferfirmen – vom Buffet-Lieferanten bis zum Software-Programmierer. Von den Forschungsausgaben Scherings profitieren kleine Forschungsfirmen, Universitäten und Krankenhäuser.

Nicht zuletzt ist Schering auch als Steuerzahler wichtig. Zum genauen Aufkommen wollte sich die Senatsverwaltung für Finanzen nicht äußern und verwies auf das Steuergeheimnis. Nach Angaben von Schering zahlt der Konzern in Berlin jährlich rund eine viertel Milliarde Euro an Steuern und Sozialabgaben. „Ein Abzug der Zentrale würde das Steueraufkommen für Berlin auf jeden Fall drücken“, sagte Dieter Vesper, Finanzexperte beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Die Schwächung der Finanzkraft werde aber über den Länderfinanzausgleich zum Teil ausgeglichen.

IHK-Hauptgeschäftsführer Eder wies im Gespräch mit dem Tagesspiegel auf die besondere Bedeutung Scherings für die Hauptstadt hin: „Schering ist aus Berlin nicht wegzudenken.“ Der Konzern gehöre zu den größten Arbeitgebern und Ausbildungsbetrieben der Stadt. „Vom Know-how Scherings leben die Berliner Gesundheitswirtschaft und Wissenschaftslandschaft in erheblichem Maße.“ Die vielen innovativen Produkte machten Schering in der Branche sehr attraktiv. Das Unternehmen stehe seit Jahrzehnten treu zu Berlin.

Ökonomen fürchten durch einen Abzug des einzigen Dax-Konzerns Schaden für Berlin und die neuen Länder. „Der Osten entwickelt sich auch deshalb so schwach, weil Konzernzentralen fehlen“, sagte Ulrich Blum, Chef des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle. 30 Prozent der Wertschöpfung eines Konzerns strahle auf die Stadt ab, die den Hauptsitz beherberge. Im Falle Berlins würde das bedeuten, dass Schering der Stadt knapp 600 Millionen Euro einbringen würde – über Steuern, Dividenden oder Löhne. Der Abzug einer Zentrale könne erhebliche Bremswirkungen für den Standort bringen. „Gerade bei Schering gibt es eine Reihe hochwertige Arbeitsplätze – ohne die Ausgaben der Beschäftigten hätten es auch teurere Einzelhändler, Gastronomen und viele Kulturangebote schwerer“, sagte Blum.

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