Wirtschaft : Die Zinsen sollen weiter steigen

Europäische Zentralbank hebt Leitzins auf 2,75 Prozent an / Verbraucherschützer: Banken sollen Vorteil an Kunden weiter geben

Carsten Brönstrup

Berlin - Die Europäische Zentralbank (EZB) hat am Donnerstag den Leitzins um 0,25 Punkte auf 2,75 Prozent erhöht und dies mit Sorgen um die gestiegene Inflation begründet. Das war die dritte Straffung der Geldpolitik innerhalb eines halben Jahres. Für die kommenden Monaten deutete EZB-Präsident Jean-Claude Trichet eine erneute Straffung der Geldpolitik an. Der deutsche Aktienindex Dax musste angesichts dieser Vorzeichen erneut Abschläge hinnehmen und verlor bis zum späten Nachmittag als zwei Prozent auf 5433 Punkte.

Angesichts des teuren Rohöls erhöhte die EZB ihre Inflationsprognose für dieses Jahr leicht auf 2,3 Prozent. „Wenn unser Szenario sich bewahrheitet – was bisher der Fall war – werden wir weiter langsam Liquidität zurücknehmen“, sagte Trichet nach der Sitzung des EZB-Rats, die dieses Mal in Madrid stattfand. Der Aufschwung in der Euro-Zone sei intakt. Man sei in der gleichen Situation wie im Dezember 2005, als die EZB die Zinswende eingeleitet hatte. Danach hatte die Bank die Zinsen im März erneut um einen Viertelpunkt erhöht.

Die wichtigsten Gründe für den Schritt waren laut Trichet die hohen Ölpreise, die weiter steigenden Inflationsgefahr, das robuste Wirtschaftswachstum und die wachsende Geldmenge. Die meisten Marktexperten hatten den Schritt vom Donnerstag erwartet, nur über das Ausmaß – 0,25 oder 0,5 Punkte – hatte Unsicherheit geherrscht.

Mit dem Leitzins gibt die Zentralbank den Geschäftsbanken einen Preis vor, zu dem sie sich Geld besorgen können, das sie Verbrauchern und Unternehmen wiederum als Kredit anbieten. Zuletzt waren Inflationsrate und Geldmenge deutlich über die Zielmarken der EZB geklettert. Im Mai stiegen die Preise in der Euro-Zone um 2,5 Prozent, die EZB strebt aber eine Rate von „unter, aber nahe zwei Prozent“ an. Eine Verteuerung der Kredite soll diesem Trend nun entgegen wirken.

Eine Zielmarke der Zentralbank für den Leitzins wollte Trichet nicht nennen. „Wir machen, was nötig ist, wenn es nötig ist. Wir lassen uns nicht in eine Zwangsjacke stecken“, erklärte er. Zur Kritik von Gewerkschaften und den Finanzministern der zwölf Euro-Staaten an einer Zinserhöhung sagte er, die Zinsen seien im historischen Vergleich immer noch niedrig. DieNotenbank müsse vorausschauend handeln, weil Erhöhungen erst nach 18 bis 24 Monaten in der Wirtschaft wirksam würden.

Holger Schmieding, Europa-Chefökonom der Bank of America, fand die Entscheidung vertretbar. „Das ist keine Bremse für die Konjunktur“, sagte er dieser Zeitung. Eine Erhöhung gleich um eine halben Prozentpunkt hätte aber die ohnehin sehr nervösen Finanzmärkte noch weiter verunsichert – „das hätte echte wirtschaftliche Auswirkungen haben können.“ Schmieding rechnet damit, dass die EZB den Zins bis Jahresende auf bis zu 3,25 Prozent anhebt. Das nächste Mal werde die Bank Ende August eine Erhöhung beschließen.

Die Kreditinstitute müssten die besseren Bedingungen nun an ihre Kunden weiter geben, forderte der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv). „Die deutschen Banken sind aufgerufen, die Guthabenzinsen jetzt schneller anzupassen als in der Vergangenheit“, sagte Verbandschefin Edda Müller dem Tagesspiegel. Bislang hätten die Institute Veränderungen der Leitzinsen nur mit zum Teil großer Verzögerung weitergegeben – zum Nachteil der Verbraucher. „Oft sind sie mit Anpassungen bei den Sollzinsen schneller zur Hand als bei den Guthabenzinsen“, bemängelte Müller. Die Banken dürften Zinsanpassungen auch bei Sparverträgen nicht nach Belieben vornehmen. „Wer das Gefühl hat, von seiner Bank stark benachteiligt zu werden, sollte seine Verträge und die vorgenommenen Anpassungen überprüfen lassen.“ Auch über einen Wechsel des Instituts sollten die Kunden nachdenken – „das ist oft leichter als gedacht“.

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