Wirtschaft : „Die Zivilisation hat mehr als ein Gesicht“

Siemens-Chef Peter Löscher über die Perspektiven seines Unternehmens und der deutschen Wirtschaft in China

Foto: picture-alliance/dpa
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Herr Löscher, China wächst rasant. Wo sehen Sie Risiken dieses Wachstums?

China überzeugt schon seit vielen Jahren mit eindrucksvollem Wirtschaftswachstum. Die Finanz- und Wirtschaftskrise der letzten beiden Jahre hat das Land wohl mit am erfolgreichsten gemeistert und war dabei auch eine Stütze für die Weltwirtschaft. China steht wie alle Länder mit rasch wachsender Industrieproduktion auch vor großen Umweltherausforderungen. Die Regierung unternimmt aber alles, um das Wachstum nachhaltig zu gestalten. So sind die Verbesserung des Umweltschutzes und eine effizientere Ressourcennutzung zentrale Punkte im anstehenden 12. Fünfjahresplan.

Wie störend ist der unterbewertete Yuan?

Auch das Verhalten und die Entscheidungen auf dem Gebiet der Währungspolitik in China zeugen von schrittweiser Flexibilität und abgewogenem Vorgehen. Westliche Industrienationen können diese konstruktiven Schritte nur begrüßen.

Tut China genug für den Schutz geistigen Eigentums?

Mit der wachsenden Ausrichtung auf Innovation und Hochtechnologie haben chinesische Unternehmen die Bedeutung geistiger Schutzrechte längst erkannt. In China wurden 2009 immerhin fast 600 000 Patente angemeldet. Nur ein Bruchteil stammt von ausländischen Unternehmen. Ich bin davon überzeugt, dass sich der Schutz geistigen Eigentums schon aus dem Eigeninteresse chinesischer Unternehmen weiter verbessert.

Die politische Führung Chinas soll 2012 in einem undurchsichtigen Prozess erneuert werden. Welche Risiken sehen Sie darin?

Chinas Geschichte und Chinas Gegenwart haben eine andere Prägung als beispielsweise die europäische Staatenwelt. Aber die Zivilisation hat mehr als ein Gesicht, und von keinem sollte man vorschnell sagen, es sei in allen Belangen besser oder schlechter. Ich bewundere beispielsweise die langfristige Perspektive in der chinesischen Politik, von der wir uns durchaus auch etwas abschauen können.

Wo sehen Sie die entscheidenden Chancen deutscher Unternehmen in China?

Aus dem hohen Stellenwert von Umweltschutz und einer nachhaltigen Gestaltung der Infrastruktur entstehen große Chancen für deutsche Unternehmen. Wir sind in vielen Feldern Technologieführer und Weltmeister bei grünen Innovationen.

Im abgelaufenen Geschäftsjahr hat Ihr Unternehmen einen Umsatz von 5,8 Milliarden Euro in China erwirtschaftet. Das sind gut 80 Prozent mehr als vor fünf Jahren. Geht das in diesem Tempo weiter?

China hat enorm viel in den Ausbau seiner Infrastruktur zur Ausrichtung von Großereignissen investiert, etwa bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking oder der Expo 2010 in Schanghai. Siemens hat beide Male Aufträge von über einer Milliarde Euro erhalten. Die Tatsache, dass sich die Lebensqualität in beiden Metropolen durch den Ausbau der Infrastruktur nachhaltig verbessert hat, ist neben unserer tief verwurzelten Partnerschaft mit China eine gute Basis dafür, dass das Land auch künftig auf Siemens setzt.

Nur noch jeder dritte Siemensianer ist in Deutschland beschäftigt, in Schwellenländern wächst Ihre Belegschaft schnell. Wie groß ist die Gefahr, dass Deutschland irgendwann nur noch Verwaltungssitz ist?

Die Gefahr besteht ganz und gar nicht. Im Gegenteil. Deutschland ist bekannt für seine Innovationskraft und Qualität. Wir müssen aber verstärkt in Forschung und Bildung investieren. Siemens tut das massiv. Allein 2010 haben wir vier Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung und rund eine halbe Milliarde Euro in die Aus- und Fortbildung unserer Mitarbeiter investiert. Gerade unsere Ingenieure hier in Berlin sind Weltklasse – sie haben die weltweit effizienteste Gasturbine auf den Markt gebracht. So ein Meisterstück macht uns so schnell auch keiner nach!

Peter Löscher (53)

ist Vorstandschef des Siemens-Konzerns und Vorsitzender

des Asien-Pazifik-

Ausschusses der

Deutschen Wirtschaft.

Die Fragen stellte

Moritz Döbler

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