Wirtschaft : Die Zukunft liegt in Adlershof und Golm

UWE SCHLICHT

Trotz der Haushaltsnot investieren Berlin und Brandenburg in teureTechnologieparksVON UWE SCHLICHT

Berlin und Brandenburg setzen mit ihren Technologieparks Zeichen:Unternehmer und Wissenschaft sollen künftig Hand in Hand arbeiten können.In Adlershof, am südlichen Stadtrand von Berlin, sind die Gerüste gefallen,und der große Kreis des Elektronensynchrotron-Speicherrings ist soweitfertiggestellt, daß im Mai eine Teilerprobung beginnen kann.Das Herzstückdes Wissenschaftsparks Adlershof, die Synchrotronstrahlungsquelle Bessy II,wird auch international ein Anziehungspunkt werden - wer hier ab Juni 1998arbeitet, beteiligt sich an dem weltweiten Forscherwettlauf auf der Suchenach neuen Materialien und den Geheimnissen der Zellen.Die Herstellerwarten auf immer leistungsfähigere Computer-Chips für ihre Produkte.Unddie Biologen und Mediziner benötigen die Synchrotronstrahlung, um dieZellforschung voranzutreiben.Auch einige Kilometer weiter im Südwesten der Hauptstadt, im künftigenWissenschaftspark Golm bei Potsdam, drehen sich die Baukräne.Hierdemonstriert das Land Brandenburg im Verbund mit derMax-Planck-Gesellschaft, wie schnell mit öffentlichen Mitteln auf freiemFeld ein naturwissenschaftlicher Campus aus dem Boden gestampft werdenkann, wenn es alle Beteiligten wollen.Im Oktober 1996 wurden die Baugrubenfür drei Max-Planck-Institute ausgehoben, im März sind die Gebäude aus demKellergeschoß herausgewachsen, im Oktober dieses Jahres sollen dieRohbauten fertiggestellt sein.Irgendwann davor, voraussichtlich im Mai, wird der Wissenschaftsrat zu demgroßen Brandenburger Zukunftsprojekt, dem Technologie- undWissenschaftspark Golm, seinen Segen geben.Neben den Max-Planck-Institutenals Kern dieses Parks sollen Verfügungsgebäude für dieMathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät der Universität Potsdamentstehen.Nach und nach ziehen mit den Forschern derMax-Planck-Gesellschaft auch die Studenten und jungen Wissenschaftler derUniversität Potsdam hinaus auf das Golmer Feld.Wenn sie erst dort Tür anTür arbeiten, und die Fraunhofer Gesellschaft auch noch ein Instituterrichtet hat, könnte ein Sog auf technologieorientierte Unternehmenentstehen.Platz ist für alle vorhanden.Der Tag ist abzusehen, da niemandmehr so abschätzige Urteile über die Brandenburger abgeben kann, wie sieheute noch in Universitäten alten West-Berliner Geistes zu hören sind: DieUniversität Potsdam könne nur eine Nischenexistenz fristen.Berlin und Brandenburg setzen mit den Technologieparks Zeichen für dieZukunft des Wissenschaftsstandortes.Die Region erprobt eine neue Variantein dem alten Spiel, in dem der Kapitalismus europäischer Machart bishergenauso versagt hat wie es der real-existierende Sozialismus getan hat: Wiekönnen Forschungsergebnisse möglichst schnell und effektiv in marktreifeProdukte umgesetzt werden? Jetzt in Adlershof und Golm beim kurzen Weg überdie Straße vom Institut zum Labor und zum wagnisfreudigen Unternehmen kannder Ideenfluß stetiger fließen.Und die Unternehmen können sich ihrenkünftigen Nachwuchs gleich an den Universitätsinstituten aussuchen.Ob mitErfolg, wird sich zeigen.Jedenfalls lassen sich Berlin und Brandenburg trotz extremer Haushaltsnotdie Technologieparks Millionen kosten: Berlin investiert allein in dieVerlagerung der naturwissenschaftlichen Institute der Humboldt-Universitätnach Adlershof 550 Mill.DM; 450 Mill.DM wendet das Land Brandenburgzusammen mit der Max-Planck-Gesellschaft und der Fraunhofer Gesellschaft inGolm auf.Daß solche Investitionen überhaupt noch möglich sind, ist ein gutes Zeichenfür eine Region, über der sonst eher düstere Wolken hängen.Brandenburgkann sich weiterhin keine teure Universitätsmedizin oder Pharmazie leisten,auch keine landwirtschaftliche Hochschulausbildung.Da muß Berlineinspringen.Die Kosten wachsen der Stadt über den Kopf, auch deswegen,weil Brandenburg keinen finanziellen Ausgleich leistet.Brandenburg muß den Ausbau strecken.Einst sollten die Hochschulen bereitsim Jahr 2000 auf 34 000 Studienplätze kommen.Jetzt ist die Landesregierungbereits guter Hoffnung, wenn sie 30 000 Studienplätze im Jahr 2006erreichen kann.Spätestens dann werden sie dringend benötigt, denn das Landrechnet mit dem Hauptandrang der geburtenstarken Jahrgänge.In diesemZeitraum können es 48 000 Studenten werden.Zum Vergleich: Heute studierennur 21 000 in den Universitäten von Potsdam, Cottbus und Frankfurt/Odersowie an den fünf Fachhochschulen.Berlin kümmert sich nicht mehr um den Andrang neuer geburtenstarkerJahrgänge, sondern baut Studienplätze ab: Von 115 000 Studienplätzen, diees noch im Jahr 1993 gab, auf 62 500 im Jahre 2003.Der Berliner Senattäuscht noch immer die Öffentlichkeit, indem er auf die im Gesetz fixierteZielzahl von 85 000 Studienplätzen verweist.Aber Haushaltsentscheidungenhaben ein anderes Gewicht als tibetanische Gebetsmühlen.In Wirklichkeitträumen die Politiker der CDU/SPD-Koalition von einer Stunde Null, in dersie nur noch zwei Universitäten und höchsten zwei Universitätskliniken inder Stadt hätten.Doch diese Stunde Null kann es nicht geben, weil in derZeit des Kalten Krieges der Westen als Hauptstadtersatz in Wissenschaft undKultur aufgerüstet hatte und der Osten den Hauptstadtanspruch desTeilstaates DDR ebenfalls mit Prestigeobjekten wie einer Hochschul- undInstitutskonzentration ohnegleichen untermauern wollte.Berlin hat in seiner Not bei den Investitionsentscheidungen gerade noch imletzten Augenblick die richtigen Weichen gestellt.Ohne den vereinten Druckvon Wissenschaftsrat, Wirtschaft und Öffentlichkeit wäre das nicht möglichgewesen.Aber jetzt ist wenigstens die Finanzierung des unentbehrlichenKerns der Naturwissenschaften in Adlershof zugesagt worden, wenn auch nurnoch im Umfang von 550 statt 700 Mill.DM.Und die Sanierung der Charite,einst mit 1,6 Mrd.DM im Verlauf von zehn Jahren kalkuliert, kommt jetztwenigstens auf der Basis von 500 Mill.DM voran.Brandenburg hat sich in der Hochschulpolitik darauf beschränkt,Alternativen zu Berlin zu entwickeln.Eine bloße Nischenpolitik, die derMoloch an der Spree gelassen hat, ist daraus nicht geworden.Das zeigtallein schon das ehrgeizige Programm, das mit den Universitäten Potsdam,Cottbus und Frankfurt/Oder verbunden ist.Cottbus wird in Konkurrenz zu denbeiden Riesen, den technischen Universitäten in Berlin und Dresden, seineTU als eine Profiluniversität aufbauen.Ein Profil mit weniger Fächern,weniger Studiengängen, aber interessanten Kombinationen von Maschinenbauund Elektrotechnik.In der Forschung richtet sich die TU Cottbus auf dieUmweltprobleme des Braunkohlenreviers ein.Die Viadrina in Frankfurt setztauf deutsch-polnische Nachbarschaft und auf eine neue Verbindung vonKultur- und Sozialwissenschaften.Ansonsten sind im Land Brandenburg dieErnährungswissenschaften und die Geowissenschaften in der Umgebung vonPotsdam gute Adressen, nicht nur national, sondern auch international.Die Zukunft der Region Berlin-Brandenburg in der Wissenschaft wird von derFinanzpolitik und der Weitsicht der jeweiligen Regierungen und Parlamenteabhängen.Das Potential für eine vielversprechende Zukunft ist vorhanden.Es harrt der Förderung oder Zerstörung.

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