Wirtschaft : Die Zukunftsmusik spielt im Netz

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Berlin - „Krisenjahre sind meist Entertainmentjahre“, sagt Stefan Michalk, Geschäftsführer des Bundesverbands der Musikindustrie. Da blieben die Leute gern zu Hause, igelten sich ein und hörten eben auch gern Musik. So kommt es, dass die deutsche Musikindustrie das vergangene Jahr relativ gut überstanden hat. Der deutsche Musikmarkt schrumpfte zwar um 2,1 Prozent auf 1,8 Milliarden Euro, schnitt damit aber wesentlich besser ab als andere Industrien. Mit der relativ stabilen Entwicklung gelang es dem deutschen Markt außerdem nach den USA und Japan weltweit zur Nummer drei im Musikgeschäft aufzusteigen und Großbritannien zu überholen. Die deutsche Musikindustrie sei nach den Verlusten der vergangenen Jahre auf Konsolidierungskurs, sagte Michalk am Mittwoch auf der Jahrespressekonferenz seines Verbandes in Berlin. Der Markt könnte womöglich ab 2011 wieder wachsen.

Wachstumstreiber sind zum einen die – legalen – Downloads von Musikstücken aus dem Internet. Zum anderen sind es die von der Industrie als neue Geschäftsfelder bezeichneten Bereiche wie Livemusik, Merchandising, Künstlermanagement, Lizenzeinnahmen und Abonnementsmodelle. Allerdings bewegen diese Erlöse sich immer noch auf einem im Vergleich zu den CD-Verkäufen sehr geringen Niveau. Während der reine Musikverkauf im Jahr 2009 um 3,3 Prozent auf 1,53 Milliarden Euro schrumpfte, legten die Einnahmen aus neuen Geschäftsfeldern um elf Prozent auf gerade einmal 122 Millionen Euro zu. Hinzu kamen Leistungen aus Urheberrechten und Ähnlichem in Höhe von etwa 150 Millionen Euro.

Der Wandel vom physischen zum digitalen Markt vollzieht sich in Deutschland langsamer als zunächst erwartet, aber stetig, heißt es im Jahresbericht des Verbands. Geschäftsführer Michalk erklärt das damit, dass die deutschen Konsumenten konservativer seien als anderswo. Dabei gibt es in Deutschland inzwischen 41 legale Musikangebote im Netz – deutlich mehr als irgendwo sonst auf der Welt. Zum Vergleich: Im Jahr 2003, als der Verband anfing die legalen Musikangebote im Netz zu zählen, waren es hierzulande fünf. Der Umsatz mit Downloads wächst zwar kräftig: von 87,9 Millionen Euro im Jahr 2008 auf 118,2 Millionen Euro im vergangenen Jahr. Doch im Vergleich zu dem was CD-Verkäufe erlösen (1,23 Milliarden Euro) ist das immer noch ein Klacks.

Dennoch: Den digitalen Angeboten gehört die Zukunft. In den USA machen sie inzwischen die Hälfte aller Musikverkäufe aus. Und das stellt die Branche vor erhebliche Probleme. Denn auch wenn immer mehr Downloads bezahlt werden, so ist die Zahl der illegalen Downloads immer noch um ein Vielfaches höher als die Zahl der legal im Netz erworbenen Titel. „Die Kostenlos-Kultur im Internet zerstört die Basis der Kreativwirtschaft“, warnt Dieter Gorny, Gründer des Musiksenders Viva und Präsident des Bundesverbands der Musikindustrie. Zwar spüre die Industrie inzwischen wieder festeren Boden unter den Füßen. „Wir haben aber in den letzten zehn Jahren rund 40 Prozent unserer Umsätze und Arbeitsplätze verloren“, sagt Gorny. So arbeiteten im Jahr 2000 noch etwa 13 000 Menschen bei den Tonträgerherstellern, derzeit sind es nur noch etwa 8500.

Dem Staat entgingen dabei erhebliche Einnahmen, meint Gorny. „Wenn nur zehn bis 15 Prozent der illegal heruntergeladenen oder kopierten Musik gekauft worden wären, wären das etwa 500 Millionen Euro oder rund 100 Millionen Euro Mehrwertsteuer für den Staat.“ Würden von der Politik nicht bald konkrete Schritte unternommen, die Urheberrechte im Netz besser zu schützen, könne es der Buchbranche, den Zeitungsverlegern, der Spieleindustrie und den TV- und Filmproduktionen ähnlich ergehen wie der Musikindustrie. „Wenn wir hochwertige Inhalte wollen, werden wir dafür bezahlen müssen“, sagt Gorny. Dabei gehe es nicht einmal darum, Gesetze zu verschärfen. „Es geht um die Durchsetzung des Urheberrechts“, sagt er. „Das Internet ist kein rechtsfreier Raum.“ Derzeit setzt die Industrie im Kampf gegen illegale Downloads vor allem auf drei Dinge: Aufklärung, die Ausweitung des Angebots und Abmahnungen. So harte Schritte wie in Frankreich, wo nach einer Vorwarnung der Internetanschluss zeitweise gekappt werden kann, seien nicht unbedingt nötig, meint Gorny.

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