Wirtschaft : Die zweite Welle rollt

NAME

Von Maurice Shahd

Selbstbewusst begrüßt die Webseite www.hothothot.com seine Besucher mit dem Slogan „The Net’s Coolest Shop since 1994! - Der coolste Laden im Internet seit 1994.“ Die kalifornischen E-Commerce-Pioniere verkaufen seit acht Jahren scharfe Saucen über das Internet in alle Welt – und das mit großem Erfolg. Die würzigen Tunken mit den scharfen n wie „Jamaican Hell Fire“ oder „Cyanid Hot“ gehen so gut, dass der Webshop schon im ersten Jahr nach seiner Eröffnung Gewinne machte.

Erfolgsgeschichten wie diese können aber nicht über die triste Realität in der New Economy hinwegtäuschen. Das Sterben der Dotcoms geht weiter. Nach Schätzungen der European Business School sind von einst 15 000 Internet-Gründungen in Deutschland bislang rund 15 Prozent Pleite gegangen. Die schlechte Stimmung in der Branche bekommt auch die am Dienstag in Berlin beginnende Fachmesse Internet World zu spüren: Die Zahl der Aussteller hat sich im Vergleich zum Vorjahr auf 500 glatt halbiert.

Allerdings gibt es Hoffnung: Meldeten Ende 2001 noch monatlich 60 Webagenturen, Online-Marktplätze oder Internetshops Insolvenz an, sind es derzeit nur noch rund 40. Und wer die Krise überlebt, hat bessere Chance auf ein gutes Geschäft denn je, meinen Experten. Nicht nur, dass mit jeder Pleite ein Konkurrent weniger auf dem Markt ist. „Immer mehr Menschen nutzen das Internet und kaufen dort ein. Davon profitieren auch die einstigen Start-ups", sagt Andreas Biagosch, E-Business-Spezialist der Unternehmensberatung McKinsey. Nach Schätzungen des Einzelhandelsverbands HDE steigt der Internetumsatz im laufenden Jahr in Deutschland von fünf auf acht Milliarden Euro. Und am Umbau der Old Economy zu vernetzten E-Business-Unternehmen könnten die Jungunternehmen ebenfalls noch kräftig verdienen. Einzige Voraussetzung dafür: ein funktionierendes Geschäftsmodell und die richtige Strategie.

Seit die New-Economy-Blase vor zwei Jahren platzte, haben sich die Internetfirmen von einigen Annahmen verabschiedet: Nur mit Einkünften aus Online-Werbung lässt sich kein profitables Geschäft machen. Zwar kaufen mehr Menschen im Internet ein, aber lange nicht so viel wie gedacht. Und für Inhalte aus dem Netz sind nur wenige Surfer bereit, auch nur einen müden Cent zu berappen. „Die Branche hat aus ihren Erfahrungen gelernt“, sagt Alexander Felsenberg, Geschäftsführer des Deutschen Multimedia Verbandes. So analysieren Webshopbetreiber heute sehr genau, wie sich die Kunden auf den Webseiten verhalten und reagieren mit individuellen Angeboten darauf.

Leuchtendes Beispiel der Internetbranche ist das amerikanische Online-Auktionshaus Ebay, das seit Jahren profitabel arbeitet. Das Erfolgsgeheimnis: Ebay besetzte den neuen Markt für Internetauktionen und kaufte regionale Anbieter auf. So erreichte das Unternehmen schnell eine kritische Zahl an Kunden, was Ebay für neue Nutzer wiederum interessanter machte.

Vielen anderen Internetunternehmen wurde ihr ungezügeltes Wachstum dagegen zum Verhängnis. „Schnelligkeit lohnt sich nur für den Ersten am Markt. Schaffen es die Folgenden nicht, müssen sie flexibel ihre Strategie ändern“, sagt McKinsey-Berater Biagosch. Zum Beispiel, indem sie eine Nische besetzen. Spezialisierte Webshops für Poster, Vinylschallplatten oder scharfe Saucen treffen den Nerv der Kundschaft.

Wachstumsmarkt Old Economy

Noch größeres Potenzial als im Geschäft mit Endkunden sehen Branchenkenner im Geschäft zwischen den Unternehmen. „Bei der Nutzung des Internets in den Unternehmen stehen wir vor einer zweiten Welle“, sagt Detlef Schoder, E-Business-Professor an der Otto Beisheim Hochschule Vallendar. Nach dem ersten Internet-Hype und der folgenden Konjunkturdelle hätten sich viele Unternehmen mit Investitionen ins E-Business zurückgehalten. „Die Firmen gehen jetzt nüchterner an neue Projekte heran und rechnen mit spitzem Bleistift“, sagt Schoder. Dass sie mit der Internetanbindung von Kunden und Lieferanten oder der elektronischen Beschaffung jede Menge Geld sparen können, hätten die Unternehmen längst erkannt. nach einer Studie der Unternehmensberatung Cap Gemini E & A wollen 56 Prozent der Firmen im laufenden Jahr mehr für E-Business augeben als 2001.

Dabei engagieren die Unternehmen inzwischen nicht mehr hippe Webagenturen wie Pixelpark, sondern etablierte IT-Firmen wie IBM, SAP oder T-Systems. Ihnen trauen sie am ehesten zu, die neue Online-Welt mit den bestehenden EDV-Systemen zu verbinden. Doch die Internetfirmen können sich ein ordentliches Stück von dem Kuchen abschneiden. „Bei großen E-Business-Projekten kommen viele Spezialisten zum Zuge“, erläutert Arnold Picot, Professor für Internet-Ökonomie an der Universität München. Software-Firmen wie Intershop, die Webshops entwickeln oder das Berliner Start-up Datango, das Lernsoftware programmiert, hätten hier ihre Chance. Einzige Voraussetzung:professionelles Management.

Ganz ohne Visionen kommt aber auch die neue New Economy nicht aus. Breitband-Internet und Mobile Commerce sind die aktuellen Schlagworte der Szene. Mit schnellen Datenleitungen könnten deutlich hochwertigere Inhalte wie Filme, Musik oder Spiele über das Internet übertragen werden. Dafür, so die Hoffnung, sind die knausrigen Surfer endlich bereit, zu bezahlen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar