Wirtschaft : Dieter Peuker

Geb. 1940

Thomas Loy

Beim SFB hatte er Hausverbot. Er sagte eben, was andere für sich behielten. Fernab der Heimat, bei Besuchen befreundeter Fußbodenleger-Innungen, verhandelten die Männer Geschäftliches und die Damen Vertrauliches. Es kam dann die Frage, die kommen musste: „Sag mal, Biggi, wie hältst du’s mit so einem Mann aus?“

Kannten ihn ja alle nicht, den Dieter Peuker, der innendrin steckte, tief unter der harten Oberfläche. Der faulenzen und den Sylter Wind genießen konnte, der sich auf dem Beifahrersitz spazieren fahren ließ, der brav ins Theater mitging, Abonnement, Logenplatz, und während des ersten Aktes selig-brummend einschlief.

„Der Dieter? Ich sag mal: Eiche rustikal. Ein Organ hatte der, unglaublich. Richtig derb war er manchmal. Der hat viele vor den Kopf gestoßen.“

Seine Zwischenrufe bei politischen Talkrunden im Fernsehen waren legendär. Beim SFB hatte er zuletzt Hausverbot. Da soll er vom Zuschauerrang „Lügner“ gerufen haben. Dieter sagte eben, was andere für sich behielten. Dieter war „Grauer Panther“, Vorsitzender des Berliner Seniorenschutzbundes und Vorsitzender der Landespartei „Die Grauen.“

Angefangen hatte das mit den Panthern in den Siebzigern. Er kroch über den Boden eines Pflegeheims, um auszumessen für die neue Auslegeware. Da bekam er mit, wie das Personal mit den Alten umsprang. Wie sich die Bettlägerigen auf den Matratzen wund lagen, weil keiner kam, sie umzudrehen. Wie sie vor sich hindämmerten bis zur nächsten Fütterung.

Bei seiner Neuköllner CDU kam dieses Thema nicht gut an, also suchte Dieter Peuker nach anderen Bündnispartnern, um die Missstände anzuprangern. Dabei stieß er auf die Graue-Panther-Gründungsfrau Trude Unruh. Die beiden passten stimmlich und vom Temperament her gut zusammen. Dieter Peuker wurde bald ihr Stellvertreter.

Mehr als zwei Wochen Urlaub im Jahr waren nun nicht mehr drin. Morgens ging er aus der Wohnung und sagte: „Um fünf bin ich wieder da.“ Dann wusste seine Frau, er würde um sieben kommen. Die Peukersche Zeitverschiebung gab es schon, als sie ihn kennen lernte. Beim Fußbodenlegen war das. Der „Meister“ war für acht Uhr abends bei ihr angemeldet. Um zehn Uhr klingelte es.

Vielleicht war Biggi die erste Frau, in deren ruhiger, musenhafter Gegenwart Dieters obstruktive Emphase ins Leere lief. Seine Mutter hatte es früh aufgegeben, ihm die Leviten zu lesen. Die Oma, bei der sie nach dem Krieg Unterschlupf gefunden hatten, war strenger und ohrfeigte auch mal. Klein-Dieter hielt dagegen: „Das sag ich meiner Mutter.“ Schon setzte es die zweite Ohrfeige.

Die Oma lebte in der Gartenstraße in Mitte. Dort gab es herrliche Abenteuerspielplätze mit Häuserruinen und Trümmerbergen darauf. Meistens verbündete sich die Ackerstraße mit der Gartenstraße, um die gegnerische Koalition Bergstraße-Strelitzer Straße in die Flucht zu schlagen. Im günstigen Fall kamen dabei verholzte Kohlrabis zum Einsatz, im schlimmsten mit Karbid und Urin gefüllte Flaschenbomben.

Zusammen mit seinem älteren Bruder Klaus suchte er nach Buntmetall. Das karrten sie illegal in den Westsektor. Dieter lernte, wie segensreich es sein kann, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Auch wenn Erwachsene sich mühten, genau das Gegenteil zu behaupten. Seine Lehrer gingen vor ihm nervlich in die Knie. Einer ließ sich seinetwegen vorzeitig pensionieren.

„Der Dieter brannte an allen Enden“, sagt eine Freundin. Die Probleme der Welt machte er sich zu eigen. Und wenn er meinte, etwas tun zu sollen, tat er es sofort. Eine Zeit lang interessierte sich Dieter für alternative Energieerzeugung, weil doch das Öl bald ausgehen sollte. Hybridtechnologie und solche Sachen. Ein zweites Standbein wollte er sich zusammen mit seinem Bruder aufbauen. Doch weil so viele andere Probleme auch noch zu lösen waren, kam er wieder davon ab.

Dieter Peuker verbrauchte so viel Lebensenergie, dass sein Brennstoffvorrat vor der Zeit zur Neige ging. Die Endlichkeit menschlicher Energieerzeugung, darüber hatte er nie so richtig nachgedacht. Kam einfach nicht dazu.

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