Wirtschaft : Dieter Saldecki

(Geb. 1944)||Einer, dem automatisch die Funktion des Fädenziehers zufiel.

Thomas Loy

Einer, dem automatisch die Funktion des Fädenziehers zufiel. Meilensteine der Sendung mit der Maus: 23. Februar 1975, der kleine blaue Elefant ist zum ersten Mal dabei. 1987 (ohne genaues Datum), Wolfgang Niedecken singt „Hänschen klein“. 27. März 1988, Erstausstrahlung der „Atom-Maus“. Weitere Maus-Spezialsendungen folgen: die Nachkriegs-Maus, die Flugzeug-Maus, die Öl-Maus, die Wahl-Maus. Kein Thema, das die Maus-Macher nicht erklärten.

Die abenteuerliche Idee, Kindern Dinge zu erklären, die kaum ein Erwachsener versteht, hatte Dieter Saldecki entwickelt und durchgesetzt. Damit geriet das Argument ahnungsloser Eltern – „Kind, das verstehst du noch nicht“ – mit jeder Maus-Folge stärker in Zweifel. Die Eltern waren fortan gezwungen, selbst die Maus zu gucken.

Während der langwierigen Vorbereitung auf die neun Folgen des Atom- Maus-Specials fiel Saldecki auch jener Kurzreim in den Mund, der klären sollte, was so alles aus Atomen besteht: „Ich und du und Müllers Kuh“.

Viele Jahre später, immer sonntags kurz vor halb zwölf in einem Haus in Niederkassel, angeblich zwischen Bonn und Köln gelegen: Zwei Männer im Frühverrentungsalter warten auf die Titelmelodie eines Fernsehmagazins. Die Melodie eignet sich gut zum Mitpfeifen, aber die Männer sitzen nicht zum Spaß hier. Die „Sendung mit der Maus“ beginnt.

Dieter Saldecki, der die Maus-Redaktion schon vor langer Zeit verlassen hat, muss sich vergewissern, ob die Qualität noch stimmt. Nach der Sendung überlegt er mit einem Freund, was man besser hätte machen können. Er ruft auch in der Redaktion an, um seine Ideen, in verträglichen Dosierungen an der richtigen Stelle zu injizieren. Dieter Saldecki war einer, der immer im Bilde sein wollte, der seine Handys selten ausschaltete, der generell schlecht abschalten konnte.

Rund 20 Jahre ackerte er für die Maus, dann half er mit, das ARD-Morgenmagazin aufzubauen, danach war er wieder bei der Maus und anschließend übernahm er die dramaturgische Leitung von „Schloss Einstein“, einer Internats-Serie auf dem Kinderkanal, gedreht am Jagdschloss Grunewald und in einem Babelsberger Studio. Jetzt konnte er wieder öfter in seinem Charlottenburger Stammlokal sitzen, einen Raki trinken und Zeitung lesen. An der kirchlichen Hochschule in Berlin hatte Saldecki mal Theologie studiert, konnte aber nicht recht zum Glauben finden. Dabei hätte er mit seiner großväterlichen Stimme, dem graumelierten Bart und der, stets in schwarzes Tuch gehüllten, kräftigen Figur einen guten Prediger abgegeben.

Die jüngeren Kollegen rühmen seine Begeisterungsfähigkeit und die ansteckende gute Laune, selbst an verregneten Montagen. Dann grüßte er „Moin, moin“ und überreichte jedem Büroinsassen, dem er begegnete, eine Tulpe.

Saldecki war ein prägender Mensch, dem automatisch die Funktion eines leitenden Kurators und Fädenziehers zufiel. Lernte er jemanden kennen, flocht er ihn wie selbstverständlich ins Gewebe seiner Projekte ein. Saldecki pflegte seine befreundeten Mitarbeiter, fragte sich bis zu ihrer Seele durch und konnte ihnen deswegen auch sehr viel Arbeit aufhalsen. Er hatte immer eine Meinung und konnte sie so lange vertreten, bis keine andere mehr übrig war. Dabei wurde er nie verletzend oder gar aufbrausend. Das passierte eher den Mitdiskutanden.

In seiner frühen Phase als Maus-Redakteur saß er mit dem Autor einer Reportage am Schneidetisch und kritisierte dies und jenes und dann noch etwas. Es ging um den Transport einer Giraffe vom Kölner Zoo in den Hafen von Duisburg, vielleicht war es auch umgekehrt. Der Autor, schon etwas angegriffen wegen der schwierigen nächtlichen Drehbedingungen, nahm sein Filmmaterial und hielt es drohend über den Papierkorb: „Noch ein Wort, Dieter.“ Der Showdown blieb aus. Dieter konnte seine Meinung auch ändern.

Saldecki, so viel weiß man, hatte es schwer als Kind in der Berliner Nachkriegszeit. Darüber machte er nur vage Andeutungen. Viel Leinöl mit Kartoffeln haben sie zu Hause gegessen. Der Geschmack blieb ihm so vertraut, dass er nach der Maueröffnung sein altes „Ost-Leinöl“ wiederentdeckte und nur noch dieses haben wollte. Kartoffeln waren eine Pflichbeilage, gebraten oder gekocht. Eines Abends kochte ein Freund für ihn. „Was gibt’s denn?“ – „Chinesisch.“ – „Gibt’s denn auch Kartoffeln dazu?“

Dieter Saldecki hatte immer Projekte am Laufen, nahm sich übers Wochenende Drehbücher mit nach Hause, reiste durch Deutschland, um Seminare zu halten. Er mochte das schnelle, unstete Leben. Zur Entschleunigung nahm er manchmal Klappstuhl und Rotweinflasche und setzte sich ganz alleine irgendwo ans Rheinufer bei Niederkassel. Oder er ließ sich am Fernseher von Sportkommentatoren einlullen.

Zusammen wurden sie älter, die befreundeten Kollegen und er. Aber bei ihm fiel das nur äußerlich auf. Er konnte sich für neue Filme und Bücher begeistern, für Hiphopper und schräge Zeichentrickserien, vor denen es andere Veteranen aus der Kindermedienszene nur noch graute.

Um Praktikanten kümmerte er sich immer persönlich, fragte sie nach ihren Vorstellungen, die Zukunft betreffend und forderte ihre Kritik. Bei Besprechungen über die nächsten Schloss-Einstein-Episoden sollten zuerst die Praktikanten sagen, was sie von den Vorschlägen anwesender Autoren hielten. Einer seiner Praktikanten war übrigens Stefan Raab, der von „TV total“. Für den Song „Hier kommt die Maus“ zum 25. Maus-Jubiläum bekam Raab seine erste Goldene Schallplatte.

Mit der 400. Folge von „Schloss Einstein“ im Mai gab Saldecki seinen Abschied. Er wollte unbedingt an dem Kinderbuch über Jesus weiterschreiben und sich mehr um seine Studenten in Potsdam und Osnabrück kümmern. Unterwegs auf der Autobahn verlor er das Bewusstsein. Die Hauptschlagader war gerissen.

Vier Wochen vorher hatte er einem Begleiter gestanden, dass er gerne mal auf dieser Seite stehen würde.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben