Wirtschaft : Digitale Produkte: Die Musik spielt in den Kassen der Konzerne

Rita Neubauer

Noch im März schrieb sich Napster in die Annalen der Demonstrationskultur ein. Fans zogen zu Gunsten des Unternehmens gen Washington, um den Erhalt "ihrer" Musiktauschbörse einzufordern. Der Marsch war natürlich reichlich absurd, denn schon damals war klar, dass Napster über kurz oder lang von der "bösen" Musikindustrie geschluckt werden würde.

Zum Thema Online Spezial: New Economy Drei Monate später ist genau das geschehen. Napster schloss unlängst mit drei großen Plattenfirmen einen Vertrag, mit dem vom 1. Juli an der legale Download von Songs dieser Unternehmen (Warner Music, Bertelsmanns BMG Entertainment und EMI Group) möglich sein soll. Napster ist nicht die erste Musiktauschbörse, die sich dem legalen und finanziellen Druck beugt. MP3.com kam zu einem Einverständnis mit den Big Five, wie die fünf größten Musikkonzerne heißen. E-Music wurde von Universal aufgekauft, Sonicnet von MTV, MyPlay.com von Bertelsmann. Die Liste lässt sich fortsetzen.

Doch der Fall Napster hat mehr Gewicht. Denn Napster war nicht nur an der Spitze einer Bewegung, mit der junge Unternehmer, Technik-Freaks und einige Künstler die Allmacht der Musikindustrie zu untergraben suchten. Die Idee des 19-jährigen Schulabbrechers Shawn Fanning wurde erst zum schlimmsten Albtraum und dann zur größten Zukunftschance der Musikindustrie. Denn wenn auch E-Music, Nullsoft oder Scour schon seit fünf Jahren Musikliebhaber mit kostenlosen Songs belieferten - zu einem wirklichen Thema wurden Online-Musikbörsen erst mit dem Erfolg von Napster. 70 Millionen Nutzer konnten die Plattenfirmen schließlich nicht mehr übersehen.

Die Schlacht ist noch nicht geschlagen

Zwei Jahre, nachdem der Krieg gegen das illegale Herunterladen von Musik begann, ist die Schlacht noch nicht entschieden. Es gibt weiterhin Tauschbörsen wie Gnutella und Aimster, die vom Ringen um Napster profitiert haben. Gnutella konnte seine Nutzerzahl seit März um 400 Prozent steigern. Nicht zu vergessen: Anbieter in Ländern wie Israel, Kanada und den Niederlanden scheren sich bislang wenig um die Klagen der Musikkonzerne. Aber die etablierte Industrie hat in den vergangenen Monaten eine Menge Fortschritt beim Ausschalten ihrer Gegner gemacht. Sie wurden entweder aufgekauft, gingen bankrott oder mussten ihr Personal drastisch reduzieren. Der Verlierer, so scheint es, sind die Nutzer, die dem naiven Glauben an kostenlose Musik aus dem Internet erlagen. Denn statt Napster und Co. werden künftig die Plattenfirmen den Musikvertrieb über das Internet kontrollieren.

Und ihre Vision ist klar: ein Monatsabonnement, das jedoch nicht den Zugang zu den großen Hits einschließt. Ein paar Cents für Songs, die aber nicht auf die Festplatte geladen werden können, und zwei bis drei Dollar für jeden heruntergeladenen Titel. Und vom Gratis-Austausch von digitaler Musik, dem File-Sharing, muss sich die Netzgemeinde wohl verabschieden. Der Start des neuen, kostenpflichtigen Modells zum 1. Juli kann nach einem Bericht des Onlinemagazins "Computer Channel" indes nicht eingehalten werden. Nun plane Napster, den Dienst im Laufe des Sommers auf das neue Gebührenmodell umzustellen.

Music-Net und Pressplay starten

Zyniker haben das alles schon längst kommen sehen. Und Entwicklungen wie die von MP3.com geben ihnen Recht. Das Unternehmen wurde für 372 Millionen Dollar an Vivendi verkauft und Vorstandschef Michael Robertson, der einst die Musikkonzerne verteufelte, wird für seinen Ex-Feind arbeiten. Für die Zukunft der digitalen Musikwirtschaft bedeutet dies zweierlei: Start-ups ziehen beim Vertrieb den Kürzeren. Und: Das Geschäft wird von wenigen großen Unternehmen gemacht, die sich die Technologie einverleiben und die digitale Musikwelt kommerzialisieren. Music-Net (AOL Time Warner, EMI, Bertelsmann und Real) sowie Pressplay (Universal, Sony und Yahoo) - zuvor Duet - stehen schon in den Startlöchern.

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