Digitalisierung : Die Arbeitsagentur der Zukunft

Die Digitalisierung wird viele Branchen verändern. Das betrifft aber nicht nur Jobsuchende – sondern auch die Vermittler.

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Stellenangebote auf Papier.
Stellenangebote auf Papier.Foto: epd

Wer in der Schule oft in seinem Heft herum kritzelt, könnte Bühnenbildner werden. Wer bei Langeweile eher Türme aus Stiften und Radiergummis baut, hat ein Talent zum Dachdecker. Zu diesen recht simplen Ergebnissen kommt zumindest der Chatbot der Bundesagentur für Arbeit (BA). Seit Anfang des Jahres können sich Jugendliche per Whatsapp über ihre Zukunft beraten lassen. Dabei müssen sie nur acht Fragen beantworten. Mit Emoticons.

Die Digitalisierung soll die Arbeitswelt radikal verändern. Wer am Fließband arbeitet, wird womöglich von einem Roboter ersetzt. Computerbasierte, technologische Fähigkeiten werden Grundqualifikationen sein. Auf diesen Wandel müssen sich aber nicht nur jene einstellen, die bei der Bundesagentur für Arbeit nach einem Ausbildungsplatz oder einem Job suchen, sondern auch die Berufsberater auf der anderen Seite des Tischs.

Obwohl die Arbeitsagentur Jugendliche mittlerweile über Whatsapp berät, soll das persönliche Gespräch nicht ersetzt werden. „Allerdings werden diese Gespräche in Zukunft durch virtuelle Tools mehr und mehr ergänzt werden können“, sagt eine BA-Sprecherin. Welche Tools das sein könnten, überlegt Adrian Vogler. Er ist IT-Experte bei der Arbeitsagentur und hat sich Anfang 2016 eine zweijährige Auszeit genommen. Um herauszufinden, wie die Jobvermittlung der Zukunft aussehen könnte. „Die Berufs- und Arbeitsberatung kann in einem Zeitalter der Digitalisierung nicht den nötigen Mehrwert erzielen, wenn nur mit wenigen Daten wie Beruf, Postleitzahl und Wohnort gesucht wird“, sagt Vogler.

Ein digitaler Helfer wie "Watson"

Nach seiner Vorstellung werden die „BA-Mitarbeiter als Wissensarbeiter mit digitalen Assistenten ausgestattet sein“. So wie der Ärzte-Roboter „Watson“ schon jetzt Big Data nutzt, um den Arzt bei der Diagnose einer Krankheit zu helfen, könnte der digitale BA-Assistent eine Unmenge arbeitsmarktlicher Daten nutzen, um tausenden von Mitarbeitern neue Jobperspektiven aufzuzeigen. In nur wenigen Minuten könnte der digitale Helfer 10 000 Seiten mit Jobangeboten durchlesen und dem Berater eine passende Zusammenfassung für jeden Arbeitssuchendem vorlegen.

Spätestens seit der Integration von Flüchtlingen ist außerdem klar, dass es nicht nur Zeugnisse braucht, um die Fähigkeiten von jemandem zu erkennen. So hat das Unternehmen Knack zusammen mit dem .

Wirtschaftsnobelpreisträger Alvin Roth drei Handyspiele entwickelt, die Flüchtlinge im Rahmen eines sogenannten „Zweigathons“ vor einigen Wochen in Berlin ausprobiert haben. Die Spiele basieren auf Datenanalyse, Machine Learning, Verhaltenswissenschaften – und zeigten jedem Spieler am Ende an, wie sozial, kreativ und führungsstark er ist. Gleichzeitig waren Arbeitgeber vor Ort, die Mitarbeiter mit bestimmten Eigenschaften suchten und passende Kandidaten direkt ansprechen konnten. Vor gut einem Jahr hat Vogler den Ansatz von „Knack“ bei der BA vorgestellt. Passiert ist noch nichts.

Konkurrenz durch Plattformen im Netz

Eine weitere Herausforderung für die Arbeitsagentur sind die vielen Jobplattformen im Internet. Speziell ausgerichtet für Migranten, Studierende oder Rentner funktioniert die Suche dort oft schneller und unkomplizierter. „Akademisch ausgebildete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden schon seit einigen Jahren häufig über die Netzwerke Linkedin und Xing gefunden und kontaktiert“, sagt Florian Nöll, Vorsitzender des Start-up-Verbands. „Sogar über Twitter werden vermehrt passende Mitarbeiter gefunden.“

Wie vielversprechend neue Geschäftsideen zur Arbeitsvermittlung sind, zeigt die Erfolgsgeschichte von Jobspotting. Das 2013 gegründete Berliner Start-up vermittelt schon jetzt Jobs mit Hilfe von Big Data. Der Nutzer weiß etwa, wie der Einstellungstrend in seiner Stadt aussieht und welche interessanten Arbeitgeber in seiner Nachbarschaft sind. Ende Januar wurde das Start-up für einen höheren Millionenbetrag von SmartRecruiters im Silicon Valley übernommen. Sie wollen „Marktführer in der datengetriebenen Jobsuche“ werden. Nöll glaubt: „In den meisten Branchen wird die Arbeitsvermittlung wie wir es vom Arbeitsamt oder der Arbeitsagentur kennen kaum noch fünf Jahre funktionieren.“ Etwas anders sehe es bei nicht-akademische Berufen, industriellen oder handwerklichen Tätigkeiten aus. Hier spiele die klassische Arbeitsvermittlung nach wie vor eine größere Rolle und werde das sicherlich auch weiterhin.

Die SPD möchte, dass die Arbeitsagentur zu einer Bundesagentur für Arbeit und Qualifizierung wird. Nicht nur Arbeitslose, auch Arbeitnehmer sollen dort in Zukunft beraten werden. Um nicht den Anschluss an eine immer digitaler werdende Welt zu verlieren. Eine Aufgabe, vor der die Arbeitsagentur selbst steht.

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