Dispozinsen : Kredit verspielt

Banken kommen billig an Geld, Kunden profitieren davon kaum. Immer mehr Politiker wollen jetzt ein Gesetz gegen hohe Dispozinsen.

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Noch nie war es für europäische Banken so billig, an Geld zu kommen. Gerade einmal 0,75 Prozent verlangt die Europäische Zentralbank, wenn sich Kreditinstitute bei ihr eindecken wollen. Und auch untereinander versorgen sich die Geldhäuser günstig mit Barem. 0,12 Prozent für einen Monat, 0,49 Prozent für ein halbes Jahr – das ist der aktuelle Euribor, der Zins, zu dem sich Europas Banken gegenseitig Geld leihen.

Schade nur, dass die günstigen Konditionen nicht beim Verbraucher ankommen. Wer sein Konto überzieht, zahlt bei der Berliner Volksbank derzeit einen Dispozins von stolzen 12,5 Prozent. Für geduldete Überziehungen, die über den Disporahmen hinausgehen, werden sogar 17,5 Prozent fällig. Die Konkurrenz ist kaum billiger. 12,5 Prozent beziehungsweise 16,5 Prozent sind es bei der Deutschen Bank, 12,3 Prozent beziehungsweise 16,9 Prozent bei der Postbank. Die Berliner Sparkasse hat zwar Mitte August ihre Zinsen gesenkt, verlangt für die Kontoüberziehung aber noch immer 12,25 Prozent sowie 17,25 Prozent für die geduldete Überschreitung des Kreditrahmens. Verbraucherschützer sind empört: „Die Dispozinsen müssten im einstelligen Bereich liegen“, sagt Frank-Christian Pauli vom Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBV) – „unter neun Prozent.“ Wenn Banken und Sparkassen das nicht von sich aus einsehen, müsste man die Zinsen per Gesetz deckeln, fordert der Verbraucherschützer.

Auch immer mehr Minister verlieren die Geduld mit den Banken. Baden-Württembergs Finanzminister Nils Schmid (SPD) kündigte eine Gesetzesinitiative der grünroten Landesregierung an. Schon am nächsten Freitag soll der Bundesrat über den Vorstoß aus Stuttgart beraten, mit dem die Zinshöhe begrenzt werden soll. „Banken geben günstige Zinsen, die ihnen von der Europäischen Zentralbank eingeräumt werden, nicht an die Verbraucher weiter“, kritisiert Schmid. Der Justiz- und Verbraucherschutzminister von Rheinland-Pfalz, Jochen Hartloff (SPD), warf den Geldhäusern am Freitag „Missbrauch der Marktmacht“ vor. Und auch Johannes Remmel, grüner Verbraucherschutzminister aus Nordrhein-Westfalen, forderte „klare Regeln“ und eine gesetzliche Begrenzung der Dispo-Zinsen. „Der wiederholte Appell an die Banken, die Zinsen freiwillig zu begrenzen, reicht nicht“, kritisierte er.

Doch das sehen in der Union und in der FDP viele anders. Bei ihrem zweitägigen Treffen in Hamburg haben sich die Verbraucherminister der Länder nicht auf einen gemeinsamen Vorstoß geeinigt. Zwar sei man sich einig, dass die DispoZinsen vollkommen überzogen sind, sagte Hessens Verbraucherschutzministerin Lucia Puttrich (CDU) am Freitag zum Abschluss der Konferenz. Eine gesetzliche Obergrenze birgt nach Meinung der unionsgeführten Länder jedoch die Gefahr, dass die Institute diese Grenze voll ausschöpfen und die Kontoüberziehung für viele Kunden dadurch noch teurer wird.

Auch Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner lehnt eine gesetzliche Obergrenze ab. Das führe nur dazu, dass sich die Banken das Geld auf andere Weise holten. „Ich werde keiner Maßnahme zustimmen, bei der am Ende nichts herauskommt“, sagte sie. Stattdessen will die CSU-Politikerin mehr Transparenz herstellen. Zudem trifft sich die Ministerin demnächst mit Vertretern der Kreditwirtschaft, Schuldnerberatern und Verbraucherschützern, um über freiwillige Verbesserungen zu beraten.

Verbraucherschützer Pauli ist jedoch skeptisch, dass der Wettbewerb das Problem löst. „Es gibt keinen wirklichen Marktdruck“, bedauert der Finanzexperte. Denn die Dispozinsen seien nur ein Mosaikstein unter vielen für die Auswahl des Girokontos – neben den Kontoführungsgebühren, der Geldautomatenversorgung, dem Service und dem Online-Bankingangebot. Dennoch: Wer suchet, der findet. Die Direktbank ING Diba etwa verlangt für die Kontoüberziehung derzeit einen effektiven Jahreszins von 8,84 (12,68) Prozent.

Und eine Bank toppt alle: Die Deutsche Skatbank, eine Zweigniederlassung der Volks- und Raiffeisenbank Altenburger Land, nimmt gerade einmal 5,25 Prozent – auch ohne Gesetz.

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