DIVERSITY 2012 : Kulturwandel

Familienministerin Kristina Schröder und Berlins Integrationssenatorin Dilek Kolat wollen Frauen fördern. Doch wie, darüber haben sie sehr unterschiedliche Vorstellungen.

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Spielend zu Ideen. Auch am Freitag bekamen die Konferenzteilnehmer Handlungsanleitungen, um Vielfalt im eigenen Unternehmen nutzbar zu machen (links). Im Workshop „Prozess“ führte der Weg zur Erkenntnis über den Lego-Stein. Tagesspiegel-Chefredakteur Lorenz Maroldt sprach mit Berlins Arbeitssenatorin Dilek Kolat unter anderem über Diversity im öffentlichen Dienst. Fotos: Kai-Uwe Heinrich
Spielend zu Ideen. Auch am Freitag bekamen die Konferenzteilnehmer Handlungsanleitungen, um Vielfalt im eigenen Unternehmen...

Berlin - Zwei Frauen, zwei Meinungen. Kristina Schröder und Dilek Kolat wollen beide das Gleiche und doch nicht dasselbe. Beide setzen sich für mehr Vielfalt in der Wirtschaft ein. „Wir brauchen eine Unternehmenskultur, die offen ist für eine Vielfalt von Lebensweisen“, sagt Schröder, die Bundesfamilienministerin. „Wir müssen die Vielfalt, die es draußen bei den Kunden gibt, in die Unternehmen holen“, sagt Kolat, Berlins Integrationssenatorin. Doch wie diese Vielfalt zu erreichen ist, darüber sind sich die beiden Politikerinnen, die an diesem Nachmittag nacheinander beim Tagesspiegel-Kongress DIVERSITY 2012 sprechen, uneins.

Das zeigt sich vor allem beim Thema Frauenförderung. Die Berliner SPD-Frau Kolat will die Quote. „Wir brauchen ein Gesetz“, sagt sie, „von alleine tut sich da leider nichts.“ Es gebe genug qualifizierte Frauen – aber nur wenn sich etwas in den Unternehmensstrukturen ändere, kämen sie auch zum Zug. Erst kürzlich hat Kolat deshalb im Bundesrat für den Gesetzentwurf gestimmt, der eine Frauenquote von mindestens 40 Prozent in Aufsichtsräten vorsieht. Im Bundestag wird darüber noch heftig diskutiert.

Quoten-Gegnerin Schröder verteidigt auch an diesem Freitag ihr Modell der sogenannten Flexiquote. Die sieht vor, dass Unternehmen selbst bestimmen, wie hoch bei ihnen der Anteil an Frauen in Führungspositionen sein soll. Dieses selbstgesteckte Ziel müssen die Firmen dann allerdings veröffentlichen und sich daran messen lassen. „Wenn man das dann nicht erreicht, ist das ziemlich peinlich“, meint Schröder. Sie setzt darauf, dass die Unternehmen sich auf diese Weise selbst disziplinieren. Ihre Hoffnung: Durch den öffentlichen Druck komme „eine Diskussion darüber in Gang, was sich im Unternehmen ändern muss, um Karrierebrüche zu vermeiden“, sagt die CDU-Politikerin.

Gegen eine starre Quote spreche, dass Unternehmen Lösungen finden müssten, die auch zu ihnen passen. Ein Maschinenbauer, der Ingenieurinnen sucht, sei schließlich nicht vergleichbar mit einer Bank, in der bereits viele Frauen arbeiteten. „Man kann nicht alle Unternehmen über einen Kamm scheren“, sagt Schröder.

Um mehr Vielfalt ins Unternehmen zu bringen, sei es zudem wichtig, von der noch weit verbreiteten Präsenzkultur wegzukommen. „Es ist längst nicht derjenige der beste Mitarbeiter, der am längsten hinter seinem Schreibtisch sitzt“, sagt die Ministerin. Gerade wer Kinder habe und deshalb abends pünktlich nach Hause müsse, arbeite in der Regel besonders effizient – würde sich zum Beispiel morgens eine To-Do-Liste machen und nicht so häufig Kaffee mit Kollegen trinken. Das gelte für Frauen und Männer gleichermaßen. Ein Mann, der unter der Woche um 16 Uhr mit seinen Kindern zum Laternenumzug gehe und seine Arbeit abends nachhole, sei ein genauso guter Mitarbeiter wie ein gleichalter Single. Wir müssten weg von dieser „Hochleistungskultur“, sagt Schröder. Es sei falsch, dass „Menschen mit einer Fürsorgeverantwortung automatisch zu den Low-Performern gezählt werden“.

Dem dürfte dann auch wieder Dilek Kolat zustimmen. Um die Vielfalt der Gesellschaft in den Unternehmen abzubilden, müsse man das Thema zur Chefsache erklären, sagt die Berliner Senatorin. Im Unternehmen müsse dann zum Beispiel genau hinterfragt werden, wie neue Stellen besetzt werden. Dabei dürften die bisherigen Chefs nicht nur auf ihre „alten Netzwerke“ zurückgreifen. Als Positivbeispiel nennt sie die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) an deren Spitze mit Sigrid Nikutta eine Frau steht.

Allerdings, betont Kolat, ist die Förderung von Frauen nur ein Aspekt der Vielfalt. Gerade für Berlin sei es mindestens genauso wichtig, auch Menschen mit Migrationshintergrund besonders zu fördern. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung beträgt in der Hauptstadt bereits jetzt 25 Prozent, unter Jugendlichen sogar 40 Prozent: „Um so früher man sich dieser Zielgruppe öffnet, desto besser.“

Dabei gehört die Senatorin als gebürtige Türkin selbst zu dieser Zielgruppe. Es könne nicht sein, sagt sie, dass allein die Angabe eines ausländisch klingenden Namens dazu führt, dass jemand nicht zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen werde. Deshalb sei sie ein großer Fan von anonymen Bewerbungsverfahren. Viele Jugendliche mit Migrationshintergrund hätten zu oft die Einstellung, die Unternehmen wollten sie ja eh nicht. „Es reicht nicht, sie zu motivieren“, sagt Kolat. Man müsse sie auch entsprechend schulen und ihnen helfen, sich auf Bewerbungen vorzubereiten.

Beide, Kolat und Schröder wünschen sich, dass Diversity irgendwann kein Thema mehr ist – weil die Vielfalt zur Selbstverständlichkeit geworden ist.

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