DIW : Forscher Fehlstart

Nach dem Ausschluss vom Regierungsgutachten suchen DIW-Mitarbeiter nach den Ursachen.

Carsten Brönstrup

BerlinEs riecht noch nach frischer Farbe, in den Büros stapeln sich Umzugskisten, vor der Tür parkt ein Möbelwagen. Gänge und Wände sind mit Pappkartons und Holzplatten abgedeckt, damit nichts schmutzig wird, gelbes Klebeband hält sie zusammen. Tagelang haben die Mitarbeiter Kisten geschleppt, sie ausgepackt und Akten einsortiert. Jetzt hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) eine neue Bleibe – aber seit ein paar Tagen auch einen Haufen Probleme. „Wir sind alle noch ganz konsterniert“, sagt eine Mitarbeiterin.

Der Umzug aus dem beschaulichen Bezirk Dahlem in die Mohrenstraße nach Mitte geriet Anfang der Woche zum Fehlstart. Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) schloss die 82 Jahre alte Denkfabrik von den prestigeträchtigen Frühjahrs- und Herbstgutachten für die Regierung aus. Den Zuschlag bekamen vier konkurrierende Konsortien. Die Gemeinschaftsdiagnose, so heißt die Vorhersage in Fachkreisen, war zum ersten Mal für drei Jahre in einem Wettbewerb ausgeschrieben worden – dadurch sollen die Prognosen besser werden. Es würde Verlierer geben, das stand vorher fest: Maximal vier Bietergruppen sollten zugelassen werden, sechs hatten sich beworben.

Das renommierte DIW hatte die Teilnahme an der Gemeinschaftsdiagnose fest einkalkuliert. Die neue Nähe zur Macht und die schicken, geräumigen Büros auf 7700 Quadratmetern sollten für Aufbruchstimmung sorgen. Es gibt neueste Technik, die Zimmerdecken haben sogar eine eingebaute Kühlung. Stattdessen ist das größte deutsche Wirtschaftsinstitut düpiert, viele der gut 180 Mitarbeiter sind bestürzt. „Das ist für die Außenwirkung ein Drama“, heißt es auf den langen Fluren.

Für Kopfschütteln sorgte die heftige Reaktion der DIW-Führung auf das Aus. Institutschef Klaus Zimmermann wähnt eine „linkskeynesianische Kampagne“, die das Glos-Ressort bei der Vergabe beeinflusst habe. Sein Vorwurf: Getreue von Ex-DIW-Konjunkturchef Gustav Horn in Medien und Ministerium hätten die Arbeit der Konjunkturabteilung schlechtgeredet und dafür gesorgt, dass sie den Zuschlag nicht bekam. Zimmermann, der sich zurzeit im Urlaub befindet, hat Widerstand gegen die Entscheidung angekündigt. Was er plant, ist noch offen. „Dazu sagen wir derzeit nichts“, ließ er ausrichten.

Horn, der als einer der wenigen deutschen Ökonomen die Nachfrageseite betont, wurde von Zimmermann 2004 als Konjunkturchef mit der Begründung ausgetauscht, er sei als Forscher zu schwach. Die Affäre brachte Zimmermann viel Ärger mit SPD und Gewerkschaften ein, die in Horns Demission einen Rechtsruck des traditionell linken DIW sahen.

Den Gewerkschaften baute Horn danach ein neues Institut auf – pikanterweise nimmt er nun an der Gemeinschaftsdiagnose teil, in einem Konsortium mit zwei anderen Häusern. „Für Zimmermann ist das eine fürchterliche Ohrfeige“, sagt ein erfahrener Ökonom eines anderen Instituts. „Der von ihm geschasste Horn darf bei der Prognose mitmachen, sein eigenes Haus aber nicht.“

Auch aus der Berliner Politik kommt nicht viel Mitleid. „Das DIW war früher immer eine keynesianische Stimme. Wenn man sich derart wandelt, darf man sich über eine Niederlage nicht wundern“, sagte Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linkspartei) dieser Zeitung.

Eine Analyse, die viele im Institut teilen. „Früher war unsere Farbe eindeutig Rot“, klagt einer. „Heute ist sie beliebig.“ Das habe sich nun gerächt – das angesehene IfW aus Kiel sei beim Wettbewerb gesetzt gewesen, das Ifo aus München und das RWI aus Essen wurden von der Union protegiert. „Wir hatten keinen politischen Sponsor, der uns den vierten Platz sichern konnte.“ Andere wollen gar nichts sagen. „Das gibt wieder nur Ärger.“

Dabei attestieren Beobachter dem DIW gute Arbeit auf anderen Feldern. Seit seinem Amtsantritt 2000 baute Zimmermann das Haus um, verlangte von seinen Leuten eine bessere Politikberatung und zugleich mehr Veröffentlichungen. „In Sachen Umwelt oder Sozioökonomisches Panel leistet das DIW unbestreitbar Ordentliches“, findet Rainer Wend, wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD.

Die Zukunft der Konjunkturarbeit im DIW ist derweil unklar. Für vier von zwölf Stellen fehlt nach dem Gemeinschaftsdiagnose-Aus das Geld. Schließen will Zimmermann die Abteilung nicht – schließlich wurde das DIW einst als „Institut für Konjunkturforschung“ gegründet. Soll es weiterhin Prognosen geben, muss Zimmermann frisches Geld in die Abteilung schaufeln. Zwei Drittel des 19-Millionen-Etats kommen bislang von Bund und Land, der Rest aus Aufträgen.

Ressortchef Alfred Steinherr ist jedenfalls optimistisch. „Wir halten den Kopf hoch. Wenn wir uns anstrengen, können wir vielleicht beim nächsten Mal wieder dabei sein.“

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