DIW-Präsident Klaus Zimmermann : "Das bin ich nicht"

DIW-Präsident Klaus Zimmermann über die Finanzaffäre, seine Sieben-Tage-Woche und die Reputation deutscher Wissenschaftler.

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In welchem Film bin ich eigentlich? Der DIW-Chef wundert sich über Vorwürfe des Rechnungshofes. Foto: ddpddp

Herr Zimmermann, Sie sind jetzt zehn Jahre DIW-Präsident. Wie sieht Ihre Bilanz aus?



Als ich ins Amt kam, standen die Forschungsinstitute vor ganz neuen Aufgaben. Der Wissenschaftsrat hatte in den 90er Jahren eine Schwerpunktverschiebung zur anwendungsorientierten Grundlagenforschung vorgegeben. Um das umzusetzen, bin ich ins Haus gekommen.

Sie haben damals lange gezögert.


Bereits zwei Jahre zuvor hatte ich die Leitung des Münchener Ifo-Instituts abgelehnt. Ich wollte das Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn aufbauen …

… im Auftrag der Post.

Ja. Dem DIW hatte ich auch abgesagt und bin dann aber doch eingesprungen, als das Berufungsverfahren für einen neuen Präsidenten ohne Ergebnis blieb. Aus zwei Gründen habe ich zugesagt: Erstens konnte ich das IZA weiterführen, und zweitens sah ich darin eine Chance, den Forschungsstandort Deutschland nach vorn zu bringen. Also die internationale Positionierung deutscher Forschungseinrichtungen zu verbessern.

Das war Ihr Hauptmotiv?


Ja, das ist mein Impuls, der mich antreibt. Ich habe sehr früh international orientierte Verantwortung in der Wissenschaft übernommen, etwa als Chefredakteur von Fachzeitschriften oder Präsident von Forschungsorganisationen. Es ging mir dann darum, Intelligentes, Innovatives in das deutsche Forschungssystem einzubringen. Dazu gehörte, das DIW als eher traditionelle Einrichtung stärker auf Forschung zu orientieren.

Ist das gelungen?


Ja. Aber das Administrative habe ich unterschätzt. Die schwierige finanzielle Situation des DIW hatte ich nicht erwartet. Wir brauchten Jahre für die Einführung von Controllinginstrumenten und der kaufmännischen Buchführung.

Dafür gibt es Geschäftsführer.


Wir hatten immer nur einen kleinen Apparat. Dazu eine völlig falsche Personalstruktur, wie der Wissenschaftsrat damals festgestellt hat. Aber 2004 haben wir es geschafft, alle Probleme zu identifizieren. Und in dem Jahr haben wir die Evaluierung durch die Leibniz-Gemeinschaft bestanden – auch wenn damals noch Anforderungen formuliert wurden. Die haben wir bis 2008 abgearbeitet. Jetzt können wir auch exzellente wissenschaftliche Kräfte ins Haus ziehen.

Sie haben sehr viele Abgänge.

Wir haben die Auflage des Wissenschaftsrats, eine hohe Quote an Zeitverträgen zu haben. Früher kam man zum DIW und blieb ein ganzes Leben. Richtig ist, dass wir in meiner Amtszeit drei Geschäftsführer hatten. Aber das würde ich nicht als dramatisch ansehen. Wenn man qualifizierte Leute einstellt, dann muss man akzeptieren, dass die auch weiterziehen.

Dramatisch ist der Schwund in der Konjunkturabteilung, mit vier Abgängen in jüngster Zeit. Auch deshalb scheint die Bewerbung des DIW um die Gemeinschaftsdiagnose der Institute aussichtslos.

Rein zahlenmäßig haben wir immer noch die zweitstärkste Gruppe nach dem IWH in Halle. Andere Institute haben auch Abgänge, zum Beispiel Kiel.

Unterm Strich bleibt die Schwäche des DIW bei der Konjunkturforschung. Ist das DIW in Ihrer Zeit nicht insgesamt bei der Politikberatung schwächer geworden?


Nein, im Gegenteil,wir sind wirkungsvoller. Seitdem wir vor drei Jahren aus der Gemeinschaftsdiagnose rausgeflogen sind, machen wir vier statt zuvor zwei Prognosen im Jahr. Und was unsere Präsenz anbelangt: Neben dem Ifo sind wir das präsenteste Institut in Deutschland.

Das darf man vom größten Institut auch erwarten.

Sicher. Nehmen Sie dazu die Hintergrundberatung. Ich war beim Kanzlergipfel, bei Ministerpräsidenten und habe in anderen Zusammenhängen nach dem Flächenbrand der Finanzmärkte massiv Präsenz gezeigt. In der Beratung aber auch und mit Publikationen.

Sind Sie neidisch auf Ihren Ifo-Kollegen Hans-Werner Sinn und dessen Wirkung in der Öffentlichkeit?

Herr Sinn ist ein genialer Selbstdarsteller, das respektiere ich. Seine Politik ist eine andere, er setzt auf seine persönliche Präsenz. Wir kennen uns seit vielen Jahren und wir schätzen uns. Selbstverständlich gibt es auch einen Wettbewerb, aber der hilft uns, besser zu werden.

Ist für Sie die internationale Reputation als Forscher wichtiger als die Rolle in deutschen wirtschaftspolitischen Debatten?

Nein. Ich bin in meinem Herzen Wissenschaftler, aber der zeitliche Aufwand für Beratung und mediale Präsenz ist sehr groß. Gerade die Regierungen haben mich im vergangenen Jahr wegen der Finanzkrise sehr häufig eingeladen.

Sie sagen von sich selbst, gut ein Drittel der Arbeitszeit entfalle auf das DIW, der Rest auf das IZA und andere Aufgaben irgendwo in der Welt. Ist das nicht alles zu viel für einen 57-Jährigen?


Der Tag beginnt früh und endet spät, sieben Tage, sieben Nächte. Dahinter steckt der Wunsch, am deutschen Wissenschaftssystem etwas zu verändern. In den vergangenen zehn Jahren habe ich jeweils nur zwei Wochen Urlaub gemacht. Das ist mir nicht schwergefallen – meiner Familie schon eher. Aber meine Frau ist promovierte Volkswirtin und kennt den Betrieb. Ich bin eben von der Sache überzeugt und gepackt.

Welcher Sache?


Als ich Examen gemacht habe, war die deutsche Volkswirtschaftslehre international Provinz. Die Deutschen gab es nicht, darunter habe ich gelitten. Dann sind Leute wie Sinn, ich und andere aufgebrochen, um das zu verändern. Ich habe Zeitschriften und Institutionen gegründet, die langfristig weltweit Signifikanz haben. Darin finde ich Befriedigung.

Und das muss sieben Tage und sieben Nächte sein?


So bin ich. Was ich mache, mache ich wenn möglich über 100 Prozent.

Jetzt haben Sie eine Breitseite vom Berliner Rechnungshof bekommen. Wie stark beeinträchtigt das Ihren Arbeitswillen?


Es gab immer mal wieder Anfeindungen in diesem Job beim DIW, sogar terroristische Anschläge, bis heute stehe ich unter Polizeischutz.

Die Anschläge waren aber nicht gegen Sie persönlich gerichtet.


Doch, es gab entsprechende Bekennerschreiben nach Brandanschlägen. Ich wurde als Leiter eines Reparaturbetriebs des Kapitalismus angegriffen. Es ging also um mein Engagement für Reformen. Ich bin ja ein Unterstützer der Hartz-Reformen und habe Gerhard Schröder und Wolfgang Clement beraten. Das hat Reaktionen provoziert, und Anfeindungen gehören zum Geschäft. Aber beim Rechnungshof stehe ich fassungslos vor der Kritik und habe das Gefühl: Das ist nicht das DIW und das bin nicht ich.

Sie sind fahrlässig mit öffentlichen Mitteln umgegangen.


Nein. Bei einer Fülle von Verwaltungsakten, die wir jeden Tag machen, gibt es Fehler. Aber es ist kein wirtschaftlicher Schaden entstanden und Verschwendung wurde nicht nachgewiesen.

Habe Sie in Ihrer Fassungslosigkeit nicht mal gedacht, das tue ich mir nicht an?


Ich habe mich manchmal gefragt, in welchem Film bin ich eigentlich? Aber grundsätzlich habe ich nichts falsch gemacht. Es geht um eine Aufgabe hier beim DIW, und weggelaufen bin ich auch nie. Ich bin bereit, weiterzumachen, weil ich das Problem bewältigen möchte.

Sie argumentieren, wenn sich Ihre Kritiker durchsetzten, sei das ganze Institut gefährdet. Das ist ziemlich selbstgerecht.

Ich meine die öffentliche Diskussion, nicht die Sachthemen, die vom Rechnungshof angesprochen werden. Aber wir haben eine Art Vorverurteilung bekommen in den Medien, obwohl der komplette Bericht gar nicht bekannt war. Ich bekomme den Bericht vertraulich, darf dazu nicht Stellung nehmen, und gleichzeitig wird geschrieben, dass Institut verschwendet Geld. Das ist extrem schädlich für das Institut.

Die Hauptkritik betrifft das DIW DC in Washington. Die Übernahme von Mietkosten durch das DIW, überhaupt die Ausstattung des Büros, die großen Aufträge vom DIW – bereuen Sie das inzwischen?


Nein, denn es ist überaus zweckmäßig. Es gibt einen Seminarraum, in den 14 Leuten passen, und drei Arbeitsräume. Mehr nicht. Ich sehe, dass das die wichtigste Frage in der Öffentlichkeit ist, aber das DIW DC ist eine innovative Einrichtung, die ihre Berechtigung hat und ohne die ein international arbeitendes Institut überhaupt nicht auskommt.

Berlin ist arm und muss an allen Ecken und Enden sparen. Und Sie geben Berliner Geld in Washington aus.


Berlin steckt auch Millionen in seine Universitäten, und das ist gut so. Es geht um Forschung, um Wissenschaft. Der Wissenschaftsstandort Berlin braucht internationale Verflechtung und weltweiten Austausch, sonst können Sie das vergessen. Washington ist der ideale Platz, vor allem für unsere Doktoranden. Wenn das Land Berlin das DIW haben will und eine herausragende Profilierung des DIW, dann kostet das was. Außer dem Rechnungshof bestreitet das auch niemand.

Das Gespräch führte Alfons Frese.

ZUR PERSON

DIE KARRIERE
Klaus Zimmermann (57) studierte Volkswirtschaftslehre in Mannheim. Nach Promotion und Habilitation lehrte Zimmermann an den Unis in München und Bonn. In Bonn baute er das Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) auf. Seit 2000 ist Zimmermann, der als Migrationsforscher geschätzt wird, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

DIE AFFÄRE
Der Berliner Rechnungshof wirft dem DIW und auch Zimmermann persönlich unkorrekten Umgang mit öffentlichen Mitteln vor. Bis zum 10. Februar muss die Senatsverwaltung für Wissenschaft als Aufsichtsbehörde des DIW gegenüber dem Rechnungshof Stellung nehmen.

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