DIW-Studie zur Deutschen Einheit : Gleichheit zwischen Ost und West ist unrealistisch

Die Wiedervereinigung war ein wirtschaftlicher Erfolg, meinen Forscher. Doch während die Menschen in Ost und West ähnlich zufrieden mit ihrem Leben sind, gibt es vor allem finanziell große Unterschiede.

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Die Erwartung "blühender Landschaften" innerhalb weniger Jahre nach dem Mauerfall sei unrealistisch gewesen, hieß es beim DIW.
Die Erwartung "blühender Landschaften" innerhalb weniger Jahre nach dem Mauerfall sei unrealistisch gewesen, hieß es beim DIW.Foto: dpa

Eine völlige Gleichheit der Lebensverhältnisse zwischen Ost und West kann es nach Einschätzung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) nicht geben. Diese Erwartung sei unrealistisch, sagte DIW-Präsident Marcel Fratzscher am Donnerstag. Der Grund dafür seien regionale Unterschiede, wie sie auch zwischen Nord- und Süddeutschland und in anderen Staaten wie Italien oder Spanien zu beobachten seien. Trotzdem zieht Fratzscher 25 Jahre nach dem Mauerfall eine positive Bilanz. "Die Wiedervereinigung und der Einfluss Ostdeutschlands haben der gesamten deutschen Wirtschaft zu mehr Dynamik verholfen."

Erst vor einigen Tagen hatte Jörg Zeuner, Chefvolkswirt der staatlichen KfW-Bankengruppe, von einem "zweiten deutschen Wirtschaftswunder" gesprochen, weil sich Lebensstandard und Wirtschaftsleistung in Ostdeutschland 25 Jahre nach dem Mauerfall so gut entwickelt haben. Nun feiert das DIW die deutsche Wiedervereinigung als wirtschaftlichen Erfolg. Die erreichte Annäherung der Wirtschafts- und Lebensverhältnisse sei eine große ökonomische Leistung, sagte Fratzscher. Zudem sei es erstaunlich, dass es nach 40 Jahren Planwirtschaft gelungen sei, die ostdeutsche Wirtschaft in relativ kurzer Zeit zu reindustrialisieren. Beim Anteil der Industrie an der gesamten Bruttowertschöpfung liegt Ostdeutschland zwar hinter dem Westen, aber im Durchschnitt der Europäischen Union vor Frankreich, Spanien oder Großbritannien.

Vermögen der Ostdeutschen hinkt weit hinterher

Dennoch ergaben die Berechnungen der Forscher, dass Wirtschaftsleistung, Produktivität, Einkommen und Vermögen in Ostdeutschland noch immer stark hinter den Werten in Westdeutschland zurückbleiben. So erreichte Ostdeutschland im vergangenen Jahr je Erwerbstätigen nur 79 Prozent des westdeutschen Produktivitätsniveaus. Allein bei Landwirtschaft, Bergbau, Energiewirtschaft sowie den Radio- und Fernsehveranstaltern sei man in Ostdeutschland produktiver - allerdings machen diese Bereiche nur einen geringen Teil der Wirtschaftsleistung aus.

Deutlich werden die Unterschiede auch beim Haushaltsnettovermögen, wo eine Angleichung kaum stattgefunden hat. Im Jahr 1993 habe das durchschnittliche Vermögen der Haushalte in Ostdeutschland 30 Prozent des Vermögens der Haushalte in Westdeutschland betragen. Im Jahr 2014 waren es 44 Prozent. Der Grund dafür liegt auf der Hand: "Aufgrund des insgesamt niedrigeren Lohn- und Einkommensniveaus und einer höheren Arbeitslosigkeit dürften die Möglichkeit zur Vermögensbildung im Osten schlechter sein als im Westen", erklärte DIW-Verteilungsexperte Markus Grabka.

Lebenszufriedenheit in Ost und West fast angeglichen

Diese Faktoren dürften der Grund dafür sein, dass in Ostdeutschland mit 44 Prozent noch immer mehr Menschen unzufrieden mit ihrem Lohn sind als in Westdeutschland, wo der Anteil der Unzufriedenen nur ein Drittel beträgt. Unterdessen sind jedoch zumindest die Unterschiede bei der Lebenszufriedenheit so gut wie verschwunden. Kurz nach der Wiedervereinigung seien diese sehr groß gewesen, sagte DIW-Vorstandsmitglied Gerd Wagner.

Positiv merkten die Forscher zudem an, dass es nicht nur eine Angleichung der ostdeutschen Verhältnisse an die westdeutschen gegeben habe, sondern auch andersherum - etwa was die Kinderbetreuung oder die Erwerbsquote bei den Frauen betreffe. Doch auch hier ist der Angleichungsprozess längst nicht abgeschlossen. Etwa seien im Osten die geschlechterspezifischen Unterschiede noch immer geringer als im Westen. Das liege daran, dass hier Vollzeitbeschäftigung bei den Frauen viel weiter verbreitet sei als in den alten Bundesländern, wo Frauen häufig in Teilzeit oder Minijobs beschäftigt seien und so nur sehr geringe oder fast gar keine Rentenanwartschaften erwerben. "Zudem sehen wir, dass 25 Jahre nach der Wiedervereinigung Kinder unter drei Jahren in Ostdeutschland immer noch deutlich häufiger in Kitas betreut werden als in Westdeutschland", sagte Pia Schober, die Familien- und Bildungsexpertin des DIW. Im Rahmen des Kita-Ausbaus der letzten Jahre hätten insbesondere hoch qualifizierte und allein erziehende Mütter die Kita-Angebote verstärkt genutzt, was zu einem Anstieg der sozioökonomischen Unterschiede sowohl in Ost und West geführt hat.

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