DIW zur Krise : "Wir wissen es nicht"

Dem Berliner Konjunkturinstitut DIW sind Prognosen derzeit zu heikel – es räumt ein, angesichts der Krise im Dunkeln zu tappen.

Carsten Brönstrup
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Am Puls der Welt. DIW-Präsident Klaus Zimmermann fürchtet, schlechte Konjunkturprognosen könnten die globale Krise noch...Foto: dpa

BerlinEs ist eigentlich ungewöhnlich, dass Wirtschaftsexperten zu einer Pressekonferenz laden und schon vorher verkünden, dass sie nichts Neues sagen wollen. Dass sie offenbar genau deshalb mehr Zuspruch von Journalisten bekommen als üblich, ist noch ungewöhnlicher. Schuld daran ist das Thema der Pressekonferenz: Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) aus Berlin wollte am Mittwoch erklären, warum es angesichts der tiefen Krise gewisse Schwierigkeiten mit der Wirtschaftsforschung hat. Und deshalb erstmals darauf verzichtet, den weiteren Lauf der Wirtschaft vorherzusagen.

Üblicherweise gibt das DIW im Frühjahr eine Prognose über das Wirtschaftswachstum im aktuellen und im Folgejahr ab. Das ist den Forschern um DIW-Präsident Klaus Zimmermann dieses Mal zu heikel. „Wir wissen derzeit nicht, wann genau der Boden der gegenwärtigen Krise erreicht ist“, begründete er die Entscheidung. 2009 werde das deutsche Bruttoinlandsprodukt um 4,9 Prozent schrumpfen, erwartet das DIW. Für 2010 werde man keine genaue Zahl nennen, weil pessimistische Vorhersagen die Krise noch verschärfen könnten. Außerdem dürfe man seine „Glaubwürdigkeit“ nicht verspielen. Zimmermann blieb daher im Ungefähren. Am ehesten sei von einer „sehr schwachen und langsamen Erholung“ auszugehen, und zwar Anfang 2010. Möglich sei auch eine schnelle Erholung, wenn die Investitionen der Firmen wieder in Gang kommen würden. Eine genaue Prognose gebe es, „wenn die Sachlage klarer ist“.

Der Umgang mit Prognosen treibt Zimmermann bereits seit Dezember um. Damals regte er an, zeitweise auf solche Berechnungen zu verzichten, erntete dafür in der Zunft aber scharfe Kritik. Gleichwohl blickte das DIW im Januar mit einer neuen Prognose in die Zukunft. Nahezu alle Forscher stehen derzeit in der Kritik, weil kaum einer den scharfen Abschwung vorhergesehen hat. Das DIW lag besonders weit daneben: Noch im Oktober 2008 hatte es erklärt, es gebe „keine Anzeichen für eine Rezession in Deutschland“.

Kollegen können Zimmermanns Kurs nicht nachvollziehen. „Wir stehen vor keinem Rätsel“, sagte Gustav Horn, Chef des gewerkschaftsnahen Instituts IMK, dieser Zeitung. Es gebe genügend Indikatoren und Hinweise, mit denen man die Konjunktur erklären könne, „allerdings nicht auf das Zehntelprozent genau“. Eine Alternative sei daher, verschiedene Szenarien aufzustellen. Ein Verzicht auf Prognosen sei „der völlig falsche Weg“, sagte Horn, der bis 2004 Konjunkturchef beim DIW war. „Man wird nicht den Dieb los, indem man die Alarmanlage ausmacht.“ Für die Sorge, Prognosen könnten Krisen verschärfen, gebe es „keinen wissenschaftlichen Beleg“. Ähnlich sieht es Michael Hüther vom arbeitgebernahen IW. „Wir Ökonomen können uns nicht wegducken, wenn es ernst wird.“ Zimmermanns Manöver sei ein „Kommunikationsgag, der nicht hilreich ist“.

In der Studie räumt das DIW ein, im Dunkeln zu tappen. „Die makroökonomische Theorie bietet kaum überzeugende Instrumente, um die Tiefe der Krise nachzuvollziehen.“ Allein der Einbruch in Amerika genüge als Ursache für den Absturz nicht, und eine Kreditklemme gebe es nicht. Der Wissenschaft fehlten Instrumente, um Wendepunkte der Konjunktur zu erkennen, räumen die Forscher ein.

Für 2009 erwartet das DIW noch große Probleme. Die Zahl der Arbeitslosen werde im Jahresverlauf um 700 000 zunehmen. Dass es derzeit zusätzlich für 800 000 Menschen keine Beschäftigung gebe, werde durch Instrumente wie Kurzarbeit und Überstundenabbau kaschiert, sagte DIW-Ökonom Stefan Kooths. Der Großteil der Jobs, die im Aufschwung entstanden sind, gehe womöglich nun in der Rezession verloren. Carsten Brönstrup

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