Wirtschaft : DIW–Chef: Rente künftig erst mit 70 Sozialverband lehnt ab, Union hält sich zurück

Rainer Woratschka

Berlin - Die Union traut sich nicht an das Thema Rente, dafür legt die Wirtschaft noch einen drauf: Nicht mit 67, wie etwa vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag gefordert, sondern erst mit 70 Jahren dürften die Deutschen künftig in Rente gehen, forderte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Klaus Zimmermann. Und das möglichst rasch. „Eigentlich wäre das Eintrittsalter 70 schon in zehn Jahren notwendig“, sagte er den „Lübecker Nachrichten“. Aber dazu sei „ die Politik zu langsam“. So werde das reguläre Eintrittsalter in zehn Jahren 67 Jahre betragen, und erst in 20 Jahren bei 70 Jahren liegen.

Mit der Idee des Wirtschaftsweisen Bert Rürup, das Renteneintrittsalter ab 2010 „gleitend“ auf 67 Jahre anzuheben, sympathisieren selbst SPD-Politiker wie Wirtschaftsminister Clement. Sozialministerin Ulla Schmidt (SPD) indessen hält nichts davon. Es müsse darum gehen, das tatsächliche Renteneintrittsalter dem gesetzlichen anzunähern, sagte eine Sprecherin. Der Trend zur Frühverrentung sei bereits gestoppt. Lag das durchschnittliche Rentenalter 1997 noch bei 62,1 Jahren lag, stieg es 2004 auf 63,1 Jahre.

Auch von CDU und CSU gab es keinen Applaus. Beim Thema Lebensarbeitszeit agiert die Union höchst vorsichtig. Damit verunsichere man die Leute, warnt Sozialexperte Wolfgang Zöller (CSU) – und fordert erst mal Arbeitsplätze für 55- bis 65- Jährige. Tatsächlich sind in dieser Altersgruppe 59 Prozent erwerbslos – die meisten unfreiwillig. So gingen 2003 45 Prozent der Neurentner schon vor 65 in den Ruhestand – und nahmen im Schnitt dafür Abschläge von 14,3 Prozent in Kauf. 174 Euro minus pro Monat.

„Eine Anhebung des Rentenalters hätte angesichts fehlender Alternativen in der Arbeitswelt noch höhere Abschläge zur Folge“, sagt der Präsident des Sozialverbands Volkssolidarität, Gunnar Winkler. Der DIW-Vorschlag würde Altersarmut fördern. Er sei nicht nur „unseriös und lebensfremd“, sondern vor allem unsozial. Der Präsident des Sozialverbands VdK, Walter Hirrlinger, nannte Zimmermanns Äußerung ungeheuerlich. Mit 70 Jahren in Rente gehen heiße nichts anderes als fünf Jahre länger arbeitslos auf Hartz IV, sagte der dem Kölner „Express“.

Damit Menschen länger arbeiteten, müsse sich einiges verändern, räumt auch der DIW-Präsident ein. Seine Vorschläge: niedrigere Tarifgehälter für Ältere und mehr Teilzeitarbeit. Letzteres könne dann auch mit einer vorgezogenen Teil- Rente kombiniert werden – sofern sich der Arbeitnehmer verpflichte, über das normale Rentenalter hinaus zu arbeiten.

Rürup konkretisierte unterdessen seine Forderung, die Rentenkassen mit Lohnzuwächsen zu entlasten. In der „Passauer Neuen Presse“ nannte er Steigerungen um bis zu 1,9 Prozent vertretbar. 2004 seien die Löhne im Westen nur um 0,12 Prozent und im Osten um 0,21 Prozent gestiegen.

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