DKV-Chef Clemens Muth : "Provisionen sind stellenweise ruinös"

"Wir müssen klarer sagen, was an Beitragssteigerungen auf die Menschen zukommt", sagt Clemens Muth. Der Chef der größten privaten Krankenkasse DKV spricht im Interview über hohe Beiträge, unseriöse Vertriebsmethoden und die Bürgerversicherung.

Clemens Muth. "In der Pflege hat die Politik noch die Chance, einen Finanzkollaps zu verhindern."
Clemens Muth. "In der Pflege hat die Politik noch die Chance, einen Finanzkollaps zu verhindern."Foto: Heinrich

Herr Muth, jeder dritte privat Krankenversicherte hat Zweifel, ob es eine gute Idee war, sich für die Privatversicherung (PKV) zu entscheiden. Jeder zehnte würde das nach einer Infratest-Umfrage nicht wieder tun. Was macht die PKV falsch?

Na ja, erst einmal heißt das ja auch, dass sich neun von zehn wieder für die Private entscheiden würden. Bei den anderen Kunden liegt die Unzufriedenheit sicher an den Beitragssteigerungen in der PKV.

Wie hoch waren die dieses Jahr bei Ihnen?

Unsere Beiträge sind im Schnitt um 5,8 Prozent gestiegen. Aber das ist nicht nur eine Sache der PKV.

Sondern?

Die Leistungsausgaben steigen in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) und PKV kräftig. Das liegt am medizinischen Fortschritt, in der PKV aber auch daran, dass leider manche Leistungserbringer – Ärzte, Kliniken, Labore – bei Privatversicherten möglichst viel herausholen wollen.

Indem sie für dieselbe Leistung mehr berechnen als bei Kassenpatienten oder indem sie bei Privatpatienten mehr Untersuchungen machen?

Beides. Es gibt in der Tat manche Untersuchung, die bei Privatpatienten durchgeführt wird, und die hinterfragt werden könnte. Zudem steigen die Ausgaben bei uns viel stärker als bei den gesetzlichen Kassen. Wir hatten in den vergangenen zehn Jahren im ambulanten Bereich Kostensteigerungen von 48 Prozent, bei der GKV war es nur halb so viel. Es gibt eine gewisse Verlagerung: Wenn bei der gesetzlichen Krankenversicherung weniger zu holen ist, dann bedient sich der eine oder andere eben bei der PKV. Deshalb brauchen wir dringend die Möglichkeit, selbst mit den Leistungserbringern über die Qualität der Leistungen und die Gebührensätze zu verhandeln.

Bei den Zahnärzten hat die Politik der PKV eine solche Öffnungsklausel verwehrt. Ist das ein schlechtes Omen für die anstehenden Verhandlungen über die Gebührenordnung für Ärzte?

Nein, die Politik hat ausdrücklich gesagt, dass das keine Vorentscheidung war. Wir kämpfen weiter dafür, im Interesse unserer Kunden Einfluss auf das Qualitäts- und Gebührenniveau zu nehmen. Sonst werden die Beiträge in der PKV immer weiter steigen.

Viele privat Versicherte sind auch enttäuscht, weil ihre Versicherung nicht alles erstattet, was der Arzt berechnet. Wie kommt das?

Es gibt Tarife, bei denen die Beiträge niedrig sind, die aber im Gegenzug nicht alle Leistungen abdecken. Vielen Versicherten ist das beim Abschluss ihres Vertrages aber nicht klar, deshalb kommt es zu solchen Enttäuschungen. Ich bin für eine nachhaltige Vollversicherung, deshalb sehe ich solche Billigtarife kritisch. Bei der DKV wollen wir uns daher auf Premium- und Kompakttarife konzentrieren.

Die Politik hat die dreijährige Sperrfrist aufgehoben, die Gutverdienern den schnellen Eintritt in die PKV verwehrt hatte. Der Privatversicherung bringt das den dringend benötigten Nachwuchs. Hat das auch Einfluss auf die Versicherungsbeiträge

Die Politik hat einen Fehler korrigiert. Das hilft der ganzen Branche und ist ein Beitrag zu mehr Generationengerechtigkeit, weil jetzt mehr Menschen in die Lage versetzt werden, selbst für sich und für ihre Gesundheitskosten im Alter vorzusorgen.

Kritiker sagen, die PKV-Tarife sind auch deshalb so hoch, weil die Versicherten die immer höher werdenden Provisionen der Makler mitbezahlen müssen.

Es ist richtig, dass Vermittler für gute Beratung angemessen vergütet werden. Aber die Provisionen müssen sich im Rahmen halten. Was wir am Markt sehen, ist stellenweise ruinös. Das hat auch die Politik erkannt und will die Abschlussprovisionen auf maximal zwölf Monatsbeiträge begrenzen. Das halte ich für absolut richtig. Der Markt ist offenbar nicht in der Lage, das Problem selbst vernünftig zu lösen.

Wie hoch sind denn die Provisionen bei der DKV?

In aller Regel liegen unsere Abschlussprovisionen unter zehn Monatsbeiträgen. Die DKV beteiligt sich nicht an dem exzessiv gewordenen Provisions-Wettlauf.

Manche Makler kassieren doppelt. Erst vermitteln sie dem Kunden eine Versicherung, dann legen sie ihm nahe, zu einer anderen Gesellschaft zu wechseln.

Sie haben recht. Es gibt solche unseriösen Vertriebsmethoden, und dagegen müssen wir uns wenden. Der forcierte Wechsel gefährdet das Geschäftsmodell der PKV. Deshalb bin ich für eine verlängerte Stornohaftung der Vermittler. Wenn der Kunde innerhalb von fünf Jahren wechselt, soll der Vertreter einen Teil der Provision zurückzahlen müssen.

Die Jungen wollen in die PKV, die Alten wollen angesichts der steigenden Beiträge wieder raus.

Das ist eine sehr pauschale Sicht. Allerdings müssen wir den Menschen, die neu in die PKV eintreten, bei der Werbung klarer sagen, wie das System funktioniert und was an Beitragssteigerungen auf sie zukommt.

Apropos Werbung. Ihr stärkstes Argument ist die Besserbehandlung der Privatversicherten – schnelle Termine, freie Arztwahl. Sind Sie froh, dass der Vorstoß des Unionsexperten Jens Spahn, per Gesetz auch Kassenpatienten besserzustellen – Zweibettzimmer, zeitnahe Termine – gescheitert ist?

Wir haben gravierende Finanzierungsdefizite in der gesetzlichen Krankenversicherung, da würde es nicht passen, das Leistungsniveau anzuheben. Wer eine bessere Behandlung will, kann eine private Zusatzversicherung abschließen. Es muss Unterschiede zwischen einer privaten und der gesetzlichen Krankenversicherung geben. Deshalb sehe ich es auch kritisch, dass die Politik den gesetzlichen Kassen – entgegen dem Koalitionsvertrag – weiter erlaubt, Wahltarife anzubieten.

Wie zufrieden sind Sie ansonsten mit der Politik des FDP-geführten Ministeriums?

Es gab wichtige Korrekturen, die wir begrüßen. Die Rückkehr zu den bisherigen Fristen für den Wechsel in die private Krankenversicherung war eine gute Sache. Bei den Wahltarifen hätten wir uns mehr gewünscht. Die nächste Bewährungsprobe ist das Thema Pflege und die Frage, wie man die nachhaltige Finanzierung sichert. Anders als in der gesetzlichen Krankenversicherung hat die Politik in der Pflege noch die Chance, gegenzusteuern und einen Finanzkollaps zu verhindern. Ich hoffe, dass die Regierung die Kraft zum Einstieg in ein generationengerechteres System hat, das neben der gesetzlichen Pflegeversicherung eine zusätzliche Kapitaldeckung vorschreibt. Nur so können wir verhindern, dass Lasten auf unsere Kinder und Enkel abgeschoben werden.

Wie viel müssten die Versicherten denn im Monat zusätzlich zahlen?

Wenn ein einstelliger Betrag nötig ist, um die Sache überhaupt an den Start zu bekommen, kann man damit beginnen. Perspektivisch braucht man aber höhere Beiträge, um die Nachhaltigkeitslücke zu schließen. Die Zusatzabsicherung, die Kapitaldeckung, sollte von der PKV organisiert werden. Im gesetzlichen System wäre die Finanzreserve nicht vor Zugriffen der Politik gesichert. Außerdem gibt es dort weder die Kompetenz noch das nötige Risikokapital für den Aufbau dieser zusätzlichen Säule.

Nach den Grünen hat nun auch die SPD ihr Konzept zur Bürgerversicherung vorgelegt. Sind Sie erleichtert, dass Ihnen die Genossen wenigstens die von den privat Versicherten angesparten Altersrücklagen nicht wegnehmen wollen?

Bei der Bürgerversicherung sind viele Fragen noch ungeklärt. Aber klar ist, dass das Konzept zulasten unserer Kinder und Enkel geht. Und dass die SPD nun vor allem Arbeitgeber und den Faktor Arbeit belasten will, scheint mir in einem Land, das volkswirtschaftlich auf besonders qualifizierte Jobs angewiesen ist, im Sinne einer nachhaltigen Strategie auch nicht sehr schlüssig. Die Anhänger der Bürgerversicherung sprechen immer von Nachhaltigkeit, aber nachhaltig ist die Bürgerversicherung nun wirklich nicht.

Das Interview führten Heike Jahberg und Rainer Woratschka.

ZUR PERSON

DER MANAGER

Clemens Muth hat es mit 40 an die Spitze der größten privaten Krankenversicherung geschafft. Seit Anfang des Jahres ist der promovierte Volkswirt Vorstandsvorsitzender der DKV. Das Versicherungsgeschäft kennt er schon viel länger: 1999 kam der gebürtige Aschaffenburger zur Münchener Rück, seit 2007 ist er bei der Ergo-Versicherungsgruppe. Er gilt als guter Stratege.

DAS UNTERNEHMEN

Die DKV Deutsche Krankenversicherung AG ist – gemessen an den Beiträgen – in Deutschland die Nummer eins der Branche. Sie gehört zur Ergo-Versicherungsgruppe, die wiederum Teil des Münchener-Rück-Konzerns (Munich Re) ist.

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