DKV-Chef Günter Dibbern : "Wir können Beitragssteigerungen nicht vermeiden"

DKV-Chef Günter Dibbern spricht mit dem Tagesspiegel über höhere Prämien für Privatversicherte, üppige Arzthonorare und den neuen Pflege-Riester.

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Günter Dibbern will mit Ärzten über eine neue Gebührenordnung verhandeln. Foto: Mike Wolff

Herr Dibbern, haben Sie am Wahlabend eine Flasche Champagner geköpft?


Wir haben nicht gefeiert, und es liegt uns auch fern, in Euphorie zu verfallen. Dafür ist die Lage im deutschen Gesundheitswesen zu komplex. Aber natürlich haben wir jetzt eine politische Ausgangslage, die unsere Situation verbessert.

Die SPD hat die Existenz der privaten Krankenversicherung infrage gestellt, Schwarz-Gelb liefert jetzt Ihre Bestandsgarantie. Das muss Sie doch erleichtern.

Das duale System wird sicher fortentwickelt werden. Und aufgrund der Koalitionsvereinbarung gehen wir davon aus, dass die Rolle der privaten Versicherer und ihre besonderen Fähigkeiten jetzt auch besonders gewürdigt werden.

Das Einstiegsgeschenk der neuen Regierung war die Verkürzung der Wartefrist für den Wechsel in die private Versicherung. Aus drei Jahren wird wieder ein Jahr. Was bringt Ihnen das?

Wir haben durch die dreijährige Wechselsperre viele Neukunden verloren. Diesen Verlust wollen wir wieder wettmachen. Ich erwarte mir Zuwächse im fünfstelligen Bereich für die Branche.

Allerdings erwägt die Regierung auch, einkommensunabhängige Kopfpauschalen für die gesetzlich Versicherten einzuführen. Wenn der gut verdienende Manager in der Kasse nicht mehr zahlen muss als seine Putzfrau und für seinen Beitrag auch noch die ganze Familie kostenlos mit absichern kann, wechselt er doch nicht mehr in eine private Vollversicherung, oder?

Das hängt von der Höhe der Pauschalen ab, vom Niveau der Leistungen und von der Frage, ob Kinder und Ehegatten beitragsfrei mitversichert werden. Es gibt sicher Ausgestaltungsformen, die uns Schwierigkeiten bereiten könnten.

In der Pflege soll die Kapitaldeckung nun verpflichtend werden. Wird das Geschäft auf die Privaten zulaufen?


Wir stehen auf jeden Fall für privatwirtschaftliche Lösungen zur Verfügung. Ich bin überzeugt davon, dass das nur in privatwirtschaftlicher Umgebung funktioniert.

Manche Ihrer Kollegen sagen, die Privatversicherer wären mit dem Aufbau einer Kapitaldeckung für alle Pflegeversicherten von jetzt auf gleich überfordert.

Ich habe bewusst nicht gesagt, wir packen das schon. Ein verpflichtendes Pflege-Riester-System für 80 Millionen Bürger aufzubauen, ist eine unglaubliche Herausforderung. Ich würde aber nicht von vornherein sagen, dass wir damit überfordert wären. Die private Versicherungswirtschaft ist leistungsfähig. Das hat sie mit knapp 30 Millionen privaten Krankenversicherungs-Verträgen und 14 Millionen Riester-Verträgen in Deutschland bewiesen.

Wäre es nicht möglich, diese Herausforderung gemeinsam mit den gesetzlichen Krankenkassen zu stemmen?


Das ist ernsthaft zu erwägen. Wenn uns die Regierung eine solche Mammutaufgabe überträgt, braucht es eine gesamtgesellschaftliche Anstrengung. Allerdings muss die Risikoträgerschaft in der privaten Sphäre bleiben. Sonst würde ich die Sorge nicht los, dass der Gesetzgeber eines Tages doch auf die Idee kommt, mit diesem Kapitalstock die Probleme der gesetzlichen Kassen zu lösen.

Was müssten die Kunden für den Pflege-Riester im Monat zahlen?

Das hängt davon ab, was man privat absichern will: eine ganze Pflegestufe oder nur ein erweitertes Leistungsvolumen in der Zukunft. Aus meiner Sicht macht es aber keinen Sinn, die Bürger mit einem Drei- oder Fünf-Euro-Produkt zu behelligen. Die bürokratischen Aufwendungen dafür sind ja nicht unerheblich, sie müssen schon im Verhältnis stehen. Konkret kann ich mir keine Lösung mit Beiträgen unter 15 bis 20 Euro vorstellen.

Viele Kunden sind auf die privaten Versicherer nicht gut zu sprechen, weil ihnen zum Jahresanfang deftige Beitragssteigerungen ins Haus stehen.

Die Beitragserhöhungen liegen am Fortschritt im Gesundheitswesen und an der steigenden Lebenserwartung der Versicherten. Beides ist für uns Versicherer mit steigenden Kosten verbunden. Hinzu kommt: Wir haben nur begrenzten Einfluss, die Kosten zu senken. Die überfällige Novellierung der Gebührenordnung für Ärzte und Zahnärzte könnte eine deutliche Verbesserung bringen.

Ihre Kostensteigerungen liegen im einstelligen Bereich. Versicherte müssen im Einzelfall aber bis zu 30 Prozent höhere Beiträge zahlen. Wie passt das zusammen?


Die Beiträge werden für jedes Versichertenkollektiv, also für jede Versichertengemeinschaft einzeln kalkuliert. Je nachdem, wie sich die jeweilige Versichertengemeinschaft entwickelt, kann es große Spreizungen geben. Wir Versicherer haben keinen großen Spielraum, was die Frage von Beitragserhöhungen betrifft. Wir bewegen uns in einem sehr engen rechtlichen Rahmen.

Aber im letzten Jahr sind die Beitragserhöhungen deutlich niedriger ausgefallen, obwohl Ihre Kosten da auch gestiegen waren.

Wir haben winzige kalkulatorische Spielräume, und wir haben diese in allen Häusern zum 1. Januar 2009 angewandt, um möglichst geringe Beitragssteigerungen zu haben.

Damit die Leute aus Frust nicht in den neuen Basistarif wechseln?


Wir halten den Basistarif für eine Fehlentwicklung. Das ist gesetzliche Krankenversicherung in der privaten. Im Basistarif sammeln sich viele Versicherte mit höheren Krankheitsrisiken und auch manche, die ihre Beiträge nicht regelmäßig zahlen. Diese Verluste muss die Versichertengemeinschaft tragen. Wir haben unsere Klage gegen den Basistarif vor dem Verfassungsgericht verloren, aber ich glaube, das Thema ist noch nicht erledigt. Je mehr Menschen in dem Tarif versichert sind, desto größer werden die Probleme. Dann werden wir die Frage nach der Verfassungswidrigkeit erneut stellen. Im Übrigen ist auch in unseren Normaltarifen die Wechselmöglichkeit für neue Versicherte seit Jahresbeginn erleichtert. Und auch bei Kunden mit bereits zuvor bestehenden Verträgen ist der Wettbewerb zwischen den Unternehmen nicht unerheblich.

Aber nur für Junge und Gesunde.


Für ältere Versicherte sind die Wechselmöglichkeiten von einem Unternehmen zum anderen stark eingeschränkt, das stimmt. Es gibt jedoch immer die Option, beim gleichen Versicherer in einen anderen Tarif zu wechseln.

Müssen sich die Privatversicherten in den nächsten Jahren auf weitere Beitragserhöhungen einstellen?


Man wird mit einer gewissen Regelmäßigkeit Beitragserhöhungen nicht vermeiden können, wenn wir nicht stärkere Instrumente an die Hand bekommen, Einfluss auf die Kosten zu nehmen. Es kann nicht dauerhaft so weitergehen, dass wir in der ambulanten Versorgung mehr als das Doppelte bezahlen müssen als die gesetzlichen Kassen.

Aber dafür bekommen Ihre Versicherten auch schneller Termine.


Natürlich sind wir bereit, für besseren Service zu zahlen. Aber es gibt Grenzen.

Ist das mit der FDP zu machen, die traditionell eine Lobbypartei der Ärzte ist?


Wir fühlen uns von der FDP in unserer politischen Grundhaltung gut vertreten. Ich bin sehr hoffnungsfroh, dass wir bei der Novellierung der Gebührenordnung für Ärzte beide Interessen unter einen Hut bringen werden. Viele Ärzte sind ja auf die Einnahmen angewiesen, die ihnen Privatpatienten bringen. Bei der Gebührenordnung für Zahnärzte waren wir uns ja fast schon einig.

Das Interview führten Heike Jahberg und Rainer Woratschka.


Zur Person

DER MANAGER
Günter Dibbern (63) ist gelernter Versicherungskaufmann und studierter Volks- und Betriebswirt. 1975 kam er zur Deutschen Krankenversicherung AG (DKV). Seit 2004 ist er Vorstandschef der DKV und Mitglied im Vorstand der Konzernmutter Ergo.

DIE DKV
Die DKV ist europäische Marktführerin in der privaten Krankenversicherung. In Deutschland ist sie mit 3,2 Millionen Kunden die Nummer zwei. Die DKV gehört zum Ergo-Konzern. Ergo ist wiederum eine Tochter der Munich Re, früher Münchner Rück.

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