Wirtschaft : Dollar: Die Angst vor dem Kurssturz ist groß

Michael R. Sesit

Der mächtige Dollar hat in den vergangenen Tagen gegenüber Europas Gemeinschaftswährung an Kraft verloren. Nach den letzten Börsenturbulenzen kostet dies die Investoren zusätzliche Nerven. Seit mehr als einer Woche fällt der Greenback stetig. Doch während der Dollar gegenüber Europas Einheitswährung bereits 4,8 Prozent eingebüßt hat, hält sich der Dollar gegenüber dem japanischen Yen stabil.

Viele Anleger und Analysten glauben, dass sich der Rutsch der US-amerikanischen Währung gegenüber dem Euro fortsetzen wird. Die Frage ist nur, ob diese Bewegung eher sanft oder eher hart verlaufen wird. Paul Burik, vom Investmenthaus Commerz International Capital Management in Frankfurt, sieht keinen Grund für einen ungebremsten Kursverlauf: "Wir betrachten die Erholung der Gemeinschaftswährung mit Vorsicht. Viele sprechen heute von einem Aufschwung. Doch nur wenige sagten dem Euro eine solche Schwächephase nach seinem Start voraus."

Die Angst vor einem Sturz des Dollar ist allgemein groß, denn die US-Wirtschaft ist vom Vertrauen der ausländischen Anleger abhängig. Im schlimmsten Fall könnten die Investoren versucht sein, ihre US-Aktien und Anleihen abzustoßen. Um sich das benötigte Kapital zu verschaffen, müssten die amerikanischen Unternehmen dann höhere Zinsen zahlen, die der Wirtschaft noch größeren Schaden zufügen würden.

"Der amerikanische Dollar profitiert von den hohen Kapitalerträgen in den USA. Wenn es eine weiche Landung der US-Wirtschaft gibt, die wir im nächsten Jahr erwarten, sollte der Dollar weiterhin gut unterstützt bleiben", sagt Richard Turnill von Merrill Lynch in London.

Das derzeitige Nachgeben des Dollars hat viele Gründe. Darunter ist die wachsende Gewissheit, dass sich das Wirtschaftswachstum in den Vereinigten Staaten abschwächen wird. Dabei wird auch befürchtet, es könne zur so genannten harten Landung kommen, nährt die Sorgen, dass die US-Notenbank zu einer Zinssenkung greifen müsste. Dreht die Europäische Zentralbank jedoch weiter an der Zinsschraube, um dem vorhandenen Inflationsdruck zu begegnen, entstünde ein klares Zinsgefälle. Investoren würden sich zunehmend auf europäische Anleihen verlegen und sich aus dem Dollar zurückziehen.

Die Bemerkung von US-Notenbankpräsident Allan Greenspan, wonach die US-amerikanische Wirtschaft langsamer wachse, wurde vielerorts als Signal für eine baldige Zinssenkung verstanden. Laut Robert Sinche, Währungsanalyst bei der Citibank, gibt es bereits Anzeichen für ein Abebben der Kapitalströme aus dem Euroland in die Dollarzone. Gerade das Kapital aus Europa aber hatte in der Vergangenheit dem US-Dollar den Rücken gestärkt.

Die Investoren werden früher oder später reagieren. Individuelle Anleger könnten versuchen, ihr Geld verstärkt in europäische Anlagen zu investieren, um aus Dollar-Sicht vom steigenden Euro zu profitieren. Allerdings sichern viele der international investierenden Fonds die Währungsdifferenzen ab, so dass sich die Flucht in ausländische Anlagen selten lohnen dürfte. Wer als US-Anleger aber jetzt auf den Euro setzt, könnte in Devisenfonds investieren oder schlicht in Euro-Sparguthaben.

Einige institutionlelle Anleger haben sich bereits auf ein weiteres Nachgeben der USWährung eingestellt. Vor zirka drei Wochen hat Commerz International einen Teil ihrer US-Anleihen auf dem Devisen-Terminmarkt verkauft. Auch die Deutsche Asset Management in Mailand, die Anlagen im Wert von 20 Milliarden Dollar verwaltet, hat die Absicherungen gegen eine Euroschwäche kürzlich teilweise abgebaut.

Die Strategie-Abteilung des Investitionshauses Merrill Lynch wies die Vermögensverwalter kürzlich an, eine "positivere Einstellung" zum Euro zu beziehen, sagt der Ökonom Turnill. Für die japanischen Portfolios wurden keine Empfehlungen gegeben.

Es liegt an den einzelnen Managern bei Merrill Lynch, wie sie diese Empfehlungen umsetzen. Vor kurzem steigerten sie ihre Positionen von 982 Millionen Euro in europäischen Wertpapieren um zwei Prozent.

Amerikanische Anleger, die ihr Geld aus ausländischen Märkten zurückgezogen hatten, trauen sich erneut jenseits der Grenzen. "Sie kehren dem Dollar den Rücken", sagt Avinash Persaud, Leiter der Forschungsabteilung bei der State Street Bank in London; "nicht etwa, weil sie abenteuerlicher werden - sondern weil sie im Ausland höhere Renditen erwarten."

Manche Anlagespezialisten warnen derweil vor der Vorstellung, dass die europäische Währung alles überflügeln wird. Innerhalb von zwölf Monaten könnte sich der Euro nach Ansicht von Merrill Lynch auf 91 Cents erholen. Doch dies wäre immer noch 19 Prozent unter dem Stand vom 1. Januar 1999, dem Tag seiner Einführung.

Turnill gibt sich weiter vorsichtig: "Wir erwarten keinen steilen Kursanstieg." Die beträchtlichen Summen, die europäische Unternehmen in Folge von Akquisitionen in die USA überwiesen, lasten nach Turnills Ansicht am schwersten auf der Gemeinschaftswährung. Auch Massimo Fortuzzi, Fondsmanager bei Deutsche Asset Management, bleibt skeptisch: "Ich kann derzeit nicht an eine Aufwertung des Euros glauben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die europäische Wirtschaft stärker wird, als die amerikanische - aber ihre Erholung ist der bestimmende Faktor hinter dem gestiegenen Kurs."

John Butler, Strategiechef bei Dresdner Kleinwort Benson in London, betont, dass Devisenmanager laut Umfragen noch immer zu große Euro-Bestände halten. "Wir erwarten, dass viele von ihnen die Gunst der Stunde nutzen und ihre verlusträchtige Anlage auflösen." Daher sei es unwahrscheinlich, dass die Währung bald die 90-CentMarke übersteige; dagegen hält er kurzfristig einen Kurs von 85 Cent für möglich, der gegen Ende des ersten Quartals 2001 auf 95 Cent steigen könnte. Nach seiner Ansicht werden Fondsmanager das neue Jahr mit konservativeren Portfolios einläuten: Statt Aktien werden sie Anleihen in ihren Korb nehmen. Damit werde es zu einer breiten Umschichtung von Dollar in Euro kommen, denn Aktien und Anleihen mit hohem Risiko sind überwiegend in Dollar notiert, sagt Butler.

Während die Experten die Kursentwicklung des Euro mit verhaltenem Optimismus beobachten, trauen sie dem Yen wenig zu. Könnte der Euro nach Ansicht von Strategen der Deutschen Bank innerhalb von einem Jahr bei einem Dollar notieren, erwarten sie im gleichen Zeitraum eine Abwertung des Yen zum Dollar. Die Motive für eine derart pessimistische Einschätzung sind vielfältig. Zum einen befürchten Investoren, dass die Erholung der japanischen Wirtschaft vom fallenden Nikkei-Index sowie von einer Abnahme der Nachfrage aus den USA bedroht werden könnte. Andererseits beschäftigt Volkswirte und Anleger die Möglichkeit, dass die japanische Zentralbank politischem Druck nachgeben und zu einer expansiven Geldpolitik übergehen könnte. Zuletzt machen sich auf den Finanzmärkten Sorgen breit, dass die geschwächten japanischen Banken Finanzspritzen benötigen. Solche Maßnahmen sprechen gegen den Yen.

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