Wirtschaft : Dolmetscher gefragt

Lkw-Fahrer aus der früheren Sowjetunion vermissen an der Grenze Angaben auf Russisch

Claus-Dieter Steyer

Frankfurt (Oder)/Swiecko – Die meisten Lkw-Fahrer aus Russland, der Ukraine, Weißrussland, Kasachstan oder aus dem Baltikum brauchen seit dem Wochenende mehr Zeit für ihre Fahrten nach Deutschland und Westeuropa. Sie benutzen zwar die gleichen Wege wie bisher, müssen aber wegen der Lkw-Maut mehr Zeit einplanen. Wie sich am Montag am größten deutsch-polnischen Grenzübergang in Frankfurt (Oder)/ Swiecko zeigte, verfügt nur ein Bruchteil der Lastzüge über ein automatisches Erfassungsgerät für die zurückgelegten Wege. Wer aber keine derartige On Board Unit (Obu) besitzt, muss sich an Terminals anmelden und dort die Maut in bar, mit EC-, Visa- oder Tankkarte bezahlen.

Doch da standen die Russen und ihre Kollegen aus der früheren Sowjetunion ziemlich hilflos vor den Automaten. Denn diese sind nach einer Entscheidung des Bundesverkehrsministeriums nur auf Deutsch, Englisch, Französisch und Polnisch zu bedienen. Dabei machen Lastwagen aus Osteuropa rund 40 Prozent des Ost-West-Verkehrs aus. Der Rest entfällt auf Polen, Holland, Tschechien und einige andere Länder. Deutsche Speditionen haben sich wegen des Kostendrucks fast gänzlich aus diesem Geschäft zurückgezogen. Um das ganz große Chaos an den Grenzübergängen zu vermeiden, stellte das Betreiberkonsortium Toll Collect mehrere Dutzend Dolmetscher ein. Im Zollterminal Swiecko arbeiten pro Schicht 13 mehrsprachige Mauthelfer an den Automaten. Ein Ende dieses kostspieligen Einsatzes steht nicht fest. „Es ist alles eine Frage der Übung“, sagte Toll-Collect-Sprecher Harald Lindlar. „Bei entsprechender Routine sind das Eingeben der Fahrzeugdaten und die Bezahlung in zwei bis drei Minuten zu schaffen.“

Danach sah es gestern jedoch nicht aus. „Die meisten Fahrer haben Probleme mit der genauen Route“, meinte Mauthelfer Detlef Honke. „In ihren Frachtpapieren steht beispielsweise Köln oder Aachen. Am Automat müssen sie aber die genaue Autobahnabfahrt angeben.“ Da blieb als Ausweg oft nur der Anruf bei der heimischen Spedition. Obwohl diese Schwierigkeiten bei der Nutzung von Obus nicht auftauchen würden, wird sich deren Zahl in absehbarer Zeit in Osteuropa wohl nur sehr langsam erhöhen. „Zu teuer“, lautete die Standardantwort der Fahrer in Swiecko. Ihre Chefs würden wohl eher die Buchung im Internet vorziehen.

„Das werde ich auf jeden Fall meinem Boss vorschlagen“, sagte Witali Malzes aus Saratow. „Meine zehn Fernfahrerkollegen machen sich mit Stoffballen erst in der nächsten Woche auf die Fahrt nach Belgien. Die genießen wie die meisten anderen Arbeiter noch die Neujahrsferien.“ Nur er habe das Jolka-Fest bei Bekannten in Polen verlebt und sei mit seinem Truck deshalb schon an der deutschen Grenze. „Der große Ansturm der Russen setzt erst Anfang nächster Woche ein“, schätzte er. Erst dann werde sich zeigen, ob die Maut-Automaten durchhalten.

Gestern fand sich kein Fahrer, der wegen der Maut von der Autobahn auf Bundesstraßen ausweichen wollte. „Da verlieren wir zu viel Zeit“, erklärte Juri Aksanow aus der weißrussisch-polnischen Grenzstadt Brest. Er liefere Aluminiumfenster an ein süddeutsches Unternehmen. Seine Firma stehe im direkten Wettbewerb mit einem Unternehmen in Polen. „Wir produzieren billiger, aber unsere Transportwege sind etwas länger. Wenn wir jetzt wegen der Maut noch mehr Zeit verlieren, sieht es schlecht aus.“ Schon deshalb müsse er aufs Tempo drücken.

Von den 20 000 bei Toll Collect registrierten polnischen Lkw besitzt rund die Hälfte eine Obu. Die konnten ohne Stopp am Zollterminal vorbeifahren. Im Nachbarland ist das Thema Maut ohnehin nichts Neues. Für die Nutzung des rund 150 Kilometer langen Autobahnabschnittes auf dem Weg zwischen Frankfurt (Oder) und Warschau muss jeder Autofahrer umgerechnet etwa vier Euro zahlen. Das funktioniert noch ganz klassisch: mit Schranke und Bargeld und ohne Zeitverlust.

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