Wirtschaft : Domenico Foti

Geb. 1933

Stephan Reisner

Die Tochter bat er: „Gehest du in die Waschhalle und machest du sauber!“ In Kalabrien, wurde er geboren, dort wurde er auch beigesetzt. Aber Domenico Foti war durch und durch Zehlendorfer. Ein Kalabrese am Schlachtensee, über vierzig Jahre lang verheiratet mit einer Deutschen, die fünf Jahre älter und einen Kopf größer war als er.

Anfang der Sechziger lernten die beiden sich kennen. Die Ärztin in der Fachausbildung reiste nach Italien, um einen italienischen Kollegen zu besuchen. Domenico Foti war Freund des Kollegen, kaufmännisch gewitzt, das schwarze Haar sauber frisiert und gerade dabei, einen Pharmahandel aufzubauen. Im weißen Fiat 1100 Pinin Farina klapperte er die Ärzte und Apotheken Kalabriens ab. Die große Blonde aus Berlin lud er prompt in seinen Fiat ein, zeigte ihr den Süden und führte sie zum Essen aus. Und eines Tages bat er sie nassforsch um eine finanzielle Beigabe zu seiner Unternehmung. Das imponierte ihr, sie merkte, der meint es ernst mit der Beziehung, an seiner Seite bin ich gleichberechtigt!

Weil in Kalabrien an eine konfessionsübergreifende Trauung nicht zu denken war, lockte sie ihn ins protestantische Berlin. Der Dolmetscher erschien nicht zur Trauung, und so musste der Standesbeamte dem jungen Italiener mit viel Geduld und zum Vergnügen aller Beteiligten klar machen, dass er nicht in jeder kleinen Redepause mit „Ja“ antworten muss.

Sie fuhren wieder nach Kalabrien und blieben dort ein Jahr. Während er seine Touren fuhr, kümmerte sie sich um die gerade geborene Tochter und lernte mit Büchern kochen. Sie hätte gern als Ärztin gearbeitet, aber das hätte hier niemand akzeptiert. Als ihre Mutter in Berlin schwer erkrankte, gab Foti seinen Pharmahandel auf, damit die Familie übersiedeln konnte.

Rollentausch. Jetzt sorgte sie in ihrer Arztpraxis fürs Geld, und er hütete das Kind. Nach drei Jahren fing er auf einer Tankstelle an. Er machte alles: Tanken, waschen und bald auch Kunden betreuen, nur fegen nicht. Ein Foti fegt nicht! Basta! Von den Hilfsdiensten befreit, da er in der Kundenbetreuung glänzte, plante er bereits sein eigenes Geschäft. Nachdem noch ein Sohn geboren wurde, eröffnete Foti eine Tankstelle mit Werkstatt. Und bald darauf kam die Fiat-Vertretung hinzu.

Die Geschäfte gingen gut. Er baute ein noch größeres Autohaus, und war der Fiat-Händler für Berlin, West und Ost. Die gepanzerten Sonderanfertigungen für die SED-Kader rüstete er mit Klimaanlagen aus.

Einen immensen Freundes- und Bekanntenkreis, bis hoch in die Berliner Parteispitzen baute sich der freundliche und eloquente kleine Mann auf. Mit seinem trotz erstaunlicher Vokabelkenntnisse etwas schrägen Deutsch bezauberte er alle. Seine Tochter schickte er mal zum Aufwischen ins Badezimmer: „Gehest du in die Waschhalle und machest du sauber!“ Noch heute ringelt sich die versammelte Familie vor Lachen auf den breiten Ledersofas, wenn sie an seine Wortdrehereien denkt: Man solle mit niemandem auf „Fußkrieg“ stehen. Und unter den Menschen gebe es keine „Moralarbeit“ mehr.

Zehlendorfs Partnerstadt Cassino lag Foti besonders am Herzen, nicht nur, weil der Bürgermeister sein Freund war. Er hatte die Reihengräber gesehen, in denen deutsche Soldaten neben italienischen begraben lagen. Für seine deutsch-italienischen Aktivitäten bekam Foti den „Cavaliere de la Republica“, einen italienischen Verdienstorden erster Klasse.

Von seiner letzten Reise nach Italien sollte er nicht mehr zurückkehren. Am Himmelfahrtstag hatte er sich aufgemacht in den Süden. In Rom aß er tüchtig zu Abend, sein Diätplan lag im fernen Deutschland. Im Krankenhaus von Messina starb Domenico Foti.

Als vor seinem Geburtshaus die Limousine mit dem Sarg abfahrbereit auf dem Hügel stand, kletterte einer der Enkel zu seinem Opa in den Wagen. Die anderen Enkel taten es ihm gleich. Gestört hat es niemanden. Wieso auch? Für einen Foti ist nichts „unmucklich“, hatte er immer gesagt.

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