Wirtschaft : Dorfkosmos

Claudia Keller

Waschfrauen und Klöpplerinnen, Bauern und Milchmänner sind die Figuren, um die sich Kerstin Hensels schonungslose Geschichten ranken. Den einfachen, den kleinen Leuten in einem Dorf im Erzgebirge gilt ihre Sympathie, den von der Geschichte des 20. Jahrhunderts Verunstalteten und denen, die der Bosheit ihrer Mitmenschen hilflos ausgeliefert sind. Da ist der Bauerssohn Jockel, der zum Zirkus will, sich aber dann als Dorfclown durchschlägt, nachdem ihm im Krieg ein Bein zerschossen wurde. Oder Lotte, die Tochter einer Waschfrau, die von den anderen Waschfrauen böse malträtiert wird und ein kurzes Glück mit einem russischen Soldaten findet. Mit feiner Ironie und Anleihen im Reich der Sagen und Mythen leuchtet Hensel ihre Schicksale aus. „Man sagte dem Spinnhaus Unheimliches nach“, heißt es in dem Roman. Hensel schildert, wie Gerüchte entstehen, weil sich jemand der Norm nicht anpassen will und wie sich daraus Grausames und Lächerliches entwickelt. Sie entwirft einen fiktiven Dorfkosmos von der Kaiserzeit bis nach der Wende in den 90er Jahren. Hensel ist ein wunderbares Stück Alltagsgeschichte gelungen und ein Heimatroman im besten Sinne.

Kerstin Hensel: Im Spinnhaus. Roman. Luchterhand Verlag, München. 256 S., 19 €.

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