Wirtschaft : Dornier kämpft leise um das Überleben

Thomas Magenheim

Wenn große Konzerne um ihr Überleben kämpfen, ist das zumeist ein lautstarker und öffentlicher Vorgang - wie bei Kirch oder Holzmann. Still und leise versucht in diesen Tagen dagegen ein Hightech-Unternehmen vor den Toren Münchens seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Der Regionalflugzeugbauer Fairchild Dornier (FD) beschäftigt gut 4 200 Mitarbeiter, davon 3 650 Personen in Deutschland. "Die Situation ist kritisch," sagt Aufsichtsratschef Chuck Pieper.

Die Überlebenschancen des deutsch-amerikanischen Unternehmens aus Oberpfaffenhofen mit den hochfliegenden Plänen sind indessen schwer einzuschätzen. Denn Informationen fließen nur spärlich. Klar ist, dass ein neuer Großinvestor aus der Branche her muss. FD führe Sondierungsgespräche mit "denkbaren Partnern", hatte Firmenchef Lou Harrington jüngst eingeräumt. Als Kandidaten wurden der US-Branchenriese Boeing und der kanadische Flugzeug- und Bahntechnikhersteller Bombardier genannt. Eine Bestätigung dafür gibt es nicht.

Dabei schien FD schon über den Berg, nachdem 1996 die Pleite gedroht hatte. Das Traditionsunternehmen war damals noch eine Tochter der Daimler-Chrylser Aerspace AG, die selbst im europäischen Luft- und Raumfahrtkonzern Eads aufgegangen ist. Unter Beigabe einer millionenschweren Mitgift wurde FD an den US-Industriellen Carl Albert verkauft. Drei Jahre später war auch er angesichts eines ehrgeizigen Investitionsprogramms an seinen finanziellen Grenzen angelangt. Das bayerische Unternehmen wurde an das US- Investmenthaus Clayton, Dubilier & Rice (CDR) und die Münchner Allianz-Versicherung als Minderheitsgesellschafter weiter gereicht.

Die neuen Gesellschafter investierten 1,2 Milliarden Dollar, um eine Flugzeugfamilie vom 30- bis zum 90-sitzigen Passagierjet zu konstruieren. Spätestens seit dem 11. September 2001 ist aber klar, dass sich zwar die Jets, nicht aber die Pläne als tragfähig erwiesen haben. Mehrere Kunden haben den 30-sitzigen Passagierjet 328 abbestellt oder die Lieferung verschoben, räumt FD ein, ohne den Umfang des Ausfalls zu beziffern. Zudem stehen 21 schon verkaufte Maschienen auf dem Rollfeld, der chinesische Kunde Hainan Airlines hat ein Problem mit den Einfuhrbestimmungen. Insgesamt hätten sich Einnahmen von rund einer halben Milliarde Dollar zeitlich verschoben, klagt das Management.

Das allein ist nach Ansicht von Branchenkennern aber nicht für die Finanzkrise verantwortlich. Man habe sich auch bei Entwicklungskosten verrechnet, schätzen sie. Vor kurzem wurde unter Mithilfe des Bundes und des Freistaats Bayern ein Finanzierungspaket über 870 Millionen Dollar geschnürt, das aber nach Kenntnis des Betriebsrats nicht reicht, um die Zahlungsausfälle zu überbrücken. Dem Vernehmen nach liegt der Finanzbedarf weit über einer Milliarde Euro.

Technologisch loben alle Experten die neuen FD-Jets und sagen ihnen großen Erfolg voraus, sobald der Markt anzieht. Wirtschaftlich lief dagegen schon das Geschäftsjahr 2000/01 (Ende zum 30. September) nicht rund. Statt einer Steigerung des Umsatzes von 635 auf 800 Millionen Dollar, brach das Geschäft auf 593 Millionen Dollar ein. Begründet wurde das bislang nicht. Über die Höhe der Verluste herrscht Stillschweigen. Die Gewinnzone und bis 2008 angepeilte Umsatzdimensionen von fünf Milliarden Dollar kann FD trotz 11,7 Milliarden Dollar Auftragsbestand aus eigener Kraft nicht mehr erreichen. Deshalb würden nun Gespräche mit mehr als vier potenziellen Investoren geführt, berichtet Chefaufseher Pieper. Als Wunschkandidat gilt Boeing. Die Anteilseignern sind in der aktuellen Lage jedenfalls zu allem bereit. Ein neuer Investor, so Pieper, könne das Unternehmen auch komplett kaufen.

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