Wirtschaft : Dracula statt Donald Duck

Roger Thurow

Es ist Morgen hoch oben in den transsilvanischen Bergen. Dunst zieht über das Gras. Die Arme uralter Eichen knarren im Wind. Am Himmel kreisen Krähen. Ein Mann schreitet durch den Morgennebel. Er zeigt die Geister, die er sieht: "Hier bei diesen Bäumen, die schon zu Draculas Zeiten hier standen, wird das Schloss des Grafen stehen", sagt der Mann aus dem Büro des Bürgermeisters von Sighisoara (Schäßburg). "Die Hauptstraße verläuft hier. Das Zentrum für Vampirologie kommt dort hin". Werwölfe und Vampire sind aus dem Nebel dieser Wälder erschienen. Aber das neueste Geschöpf, das sich aus der Abgasglocke der hiesigen Industrie erheben soll, wird das allerschaurigste: Der Dracula Park.

"Auf der ganzen Welt wird mit Dracula viel Geld verdient. Nur nicht in Rumänien", sagt Dan Matei-Agathon, der rumänische Tourismus-Minister. Er führt eine Dracula-Uhr vor, mit einem Vampir auf den Zeigern: Made in Switzerland. "Sehen Sie!", sagt er. "Ich frage mich immer noch, was die Schweiz mit Dracula zu tun hat." Für ihn ist es Zeit, dass der Graf zurückkehrt. "Wir werden Draculas haben, die laufen, sprechen, fliegen und landen", sagt er und überreicht dem Besucher seine Visitenkarte samt einem Gebiss mit Vampirzähnen. "Aber nicht dass Sie einen falschen Eindruck bekommen: Das hier wird nicht Disneyland."

Gewiss nicht. Eine deutsche Firma, die einen Cowboy- und Indianer-Themenpark in Bayern unterhält, wickelt die Bauarbeiten ab. "Wir kennen die Grenze zwischen interessant und lächerlich", versichert Projektleiter Marius Stoian. Daher wird es einen Dracula-Golfplatz geben und Essen nach Rezepten aus dem Mittelalter. Außerdem einen bizarren Basar, der Dracula-Fanartikel aus der ganzen Welt verkauft - Schachfiguren, Wodka, Baseballkappen.

Nicht zu vergessen: Die Dracula-Aktien. Von Mitte November an kann man sein Geld in den Sighisoara Tourism Development Fund, der den Park bis 2003 bauen soll, stecken. Nach den Plänen der staatlichen Banca Commerciala Romana wird die Erstemission rund 5,5 Millionen Euro einbringen. Damit könnten die Bauarbeiten beginnen. Im Frühjahr ist dann eine größere Tranche von bis zu 17 Millionen Euro vorgesehen.

Früher weigerte sich Rumänien, den Vampir Dracula des Romanautors Bram Stoker oder Hollywoods Bela Lugosi ernst zu nehmen. Stattdessen verehrte man den historischen Dracula, Vlad Tepes. Er war der Sohn von Vlad Dracul und ein Held, der Horden von Invasoren abwehrte und Recht und Ordnung nach Südosteuropas brachte. Es stimmt schon: Vlad Tepes erreichte das, indem er seine Feinde auf Pfähle aufspießen ließ . "Aber ein Blutsauger war er nicht ", sagt Dorin Danesan, Bürgermeister von Sighisoara. Trotzdem will er die Legende von Dracula nutzen. Er hofft auf 3000 neue Arbeitsplätze und eine Million Besucher. "Wenn die Menschen glauben, dass Vlad Tepes ein Vampir war und aus Transsilvanien stammt - warum sollten wir keinen Nutzen daraus schlagen?"

Die Kommunisten, die das Land vierzig Jahre regierten, würden sich wohl im Grab umdrehen. Doch die neuen Demokraten in Rumänien suchen nach Geldquellen. Also warb Agathon im Ausland für die Dracula-Idee. Mit einem Sarg im Gepäck wollte er zur Internationalen Tourimusbörse nach Berlin anrücken. Doch die deutschen Zöllnern verweigerten die Einreise. Der Grund: kein Toter und keine Sterbeurkunde. Der Sarg blieb am Zollamt stehen. In Berlin wurde ein neuer gemietet.

Die Kunde von dem Projekt drang bald auch in die USA - und prompt kam ein Brief von den Universal Studios in Kalifornien. Er eröffnete den Rumänen, dass Universal weltweit die Rechte an der Figur des Grafen Dracula besitzt, wie er in sieben Filmen dargestellt wird, einschließlich der legendären Version von 1931 mit Bela Lugosi. Das war neu für Agathon. "Ich bat darum, mir die Filme zu schicken. Denn bisher habe ich keinen davon gesehen", sagt er. Wie man sich einigen wird, ist offen.

Und die Bewohner von Sighisoara? Bis vor kurzem wehrten sie sich noch gegen die Vorstellung, Vampire könnten in ihrer ordentlichen Burg wohnen. Jetzt warnt nur noch ein Prediger davor, dass der Park Teufelsanbeter anziehen könne. Adriana Antihi ist die Direktorin des städtischen Museums. "Wir bewundern Vlad Tepes für das, was er getan hat", sagt sie. "Einige Leute befürchten zwar, dass hier viel Kitsch zur Schau gestellt werden könnte. Andererseits brauchen wir 300 000 Euro für eine neue Heizung im Museum". Für einige ist es auch schwierig, in ihrem Nationalhelden Dracula einen Vampir zu sehen. Aber kein normaler Tourist wird kommen, um etwas über einen undurchsichtigen Herrscher aus dem 15. Jahrhundert zu erfahren. "Wenn die Leute Vampire sehen wollen", sagt Tourismus-Minister Agathon mit breitem Lächeln "warum sollen wir ihnen dann keine Vampire zeigen?"

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