Wirtschaft : Draußen vor der Tür

Die Übernahme des Berliner Verlags könnte der Anfang weiterer Zeitungskäufe durch Finanzinvestoren sein. Einige halten schon Ausschau

Ulrike Simon

Erstmals könnten Finanzinvestoren Inhaber einer deutscher Zeitung werden. Der Kauf des Berliner Verlags durch David Montgomerys Mecom, 3i und Veronis Suhler Stevenson steht kurz bevor. „Die Übernahme in Berlin durch ausländische Finanzinvestoren könnte eine Türöffnerfunktion für weitere Private-Equity-Transaktionen sein“, sagte Christian Stahl, Deutschland- Chef von Apax, dem Tagesspiegel.

Berlin, der härteste, weil wettbewerbsintensivste Zeitungsmarkt Deutschlands, ist das Labor der Branche. Schneller als anderswo werden hier Trends sichtbar. Jetzt steht ihm zusätzlicher Wettbewerb bevor. Montgomery kündigte an, der Berliner Verlag diene „als Plattform für weitere mögliche Akquisitionen in Deutschland“. Die Wirtschaftlichkeitsberechnungen gingen zwar von der Annahme aus, den Berliner Verlag „stand alone“, also als Einzelengagement zu führen. Die Akquisition weiterer Zeitungen ist aber Bestandteil der Strategie „buy and build“. Nach und nach soll eine Regionalzeitungskette entstehen, um Wachstums- und Sparpotenziale zu erhöhen. In der Private-Equity-Branche ist man sich sicher: Es ist eine Frage der Zeit und des Preises, wann der nächste Verleger mangels Nachfolger oder kartellrechtlich erlaubter Kooperationen mit benachbarten Verlegern auf Angebote von Finanzinvestoren eingeht.

Die Sorge gilt dem Journalismus. Gewerkschafter, Politiker und Journalisten glauben, er sei bei klassischen Verlegern in besseren Händen. Deren Maßnahmen sind oft nicht minder drastisch. Gerade kündigte der Schleswig-Holsteinische Zeitungsverlag an, bei der kürzlich gekauften „Schweriner Volkszeitung“ ein Drittel der 340 Stellen abzubauen. Anderswo werden von Agenturen ganze Zeitungsseiten gekauft, Ressorts werden ausgegliedert. Dennoch: Das Schreckgespenst heißt Private- Equity. Werden diese Firmen wie Heuschrecken einfallen, entlassen, streichen, sich keinen Deut um die Qualität der Zeitungen kümmern, um nach kurzer Zeit mit maximalem Gewinn wieder auszusteigen?

Sie heißen Blackstone, Advent, Candover, Cinven, Hellman & Friedman, Apax oder Permira. Sie scheuen die Öffentlichkeit. Einige sind oder waren in der Medienbranche bereits engagiert: Cinven beim Fachverlag Springer Science, Permira bei Premiere. Einige haben nun Tageszeitungen im Visier. Jens Tonn, Deutschland- Chef von Candover, sagt: „Wir gehörten in England 14 Jahre lang zu den größten Inhabern von Regionalzeitungen und haben unsere Investments sehr erfolgreich entwickelt.“ In Deutschland schaut er sich bislang vergeblich um, wobei Candover gleich mehrere Titel kaufen will, um diese zu integrieren. „Nur der Gruppeneffekt macht es möglich, Synergien zu heben – etwa bei der Beschaffung.“

Ein potenzieller Käufer ist auch Apax. Deutschland sei „ein interessanter Markt, weil viele Zeitungen in ihrem Verbreitungsgebiet über sehr starke Marktpositionen verfügen“, sagt Stahl. Apax interessiert sich für Titel mit Auflagen ab 100000 Exemplare – bislang vergeblich. „Der deutsche Zeitungsmarkt ist sehr fragmentiert und mittelständisch geprägt“, sagt Stahl. „Meistens machen die Verleger die Deals untereinander. Sie kennen und vertrauen sich, verhandeln oft ohne Prüfung durch Anwälte oder Wirtschaftsprüfer.“ Ein weiteres Problem sind die unterschiedlichen Kulturen. Stahl sagt, es bedürfe viel Geduld, um mit deutschen Verlegern zu verhandeln. „Angelsächsisches Auftreten wäre ein Fehler. Man muss langfristig Vertrauen aufbauen.“ Ein anderer Chef einer Private-Equity-Firma prophezeit eine Konsolidierungswelle. Überleben werde, wer wie Private-Equity-Firmen arbeite. Untergehen werde, wer nicht vom „Gruppeneffekt“ profitiere. Der Vorwurf, sie agierten wie „Heuschrecken“ weisen die Investoren zurück. „Private-Equity-Firmen denken langfristig. Ihr Ziel ist der Aufbau zukunftsfähiger Unternehmen. Dazu gehören Investitionen und das Wissen, dass starke Redaktionen der entscheidende Erfolgsfaktor für Zeitungen sind“, sagt Stahl.

David Montgomery beteuert, die Qualität einer „Berliner Zeitung“ würde gar weiterentwickelt. Es gehe nicht darum, dass der Berliner Verlag jährlich 25 bis 30 Prozent Rendite zu erwirtschaften habe. Auf zwischenzeitliche Ausschüttungen von Dividenden werde verzichtet. Vielmehr werde investiert. Oberstes Ziel sei, dass der Verlag durch Wachstum am Ende der Investitionsdauer mehr wert ist als zu Beginn. Nur so lasse sich ein höherer Verkaufspreis erzielen als bei der Akquisition. Mecom verspricht seinen Anlegern auf das von ihnen eingesetzte Kapital einen Renditezuwachs von 25 bis 30 Prozent. Dies sei ein Durchschnittswert, denn die Anlagen würden in mehrere Beteiligungen investiert, von denen die beim Berliner Verlag nur eine sei. Die wirtschaftliche Logik widerspreche Befürchtungen, der Verlag werde als Trümmerhaufen hinterlassen.

Ob Private-Equity-Firmen tatsächlich die kreativeren Verleger und besseren Zeitungsmanager sind, ist fraglich. Apax-Chef Stahl räumt ein, er habe keine Patentantwort auf strukturelle Probleme wie junge Nichtleser und das Abwandern von Rubrikenanzeigen ins Internet. „Wir haben aber Ansätze, was man machen könnte.“ Stahl kritisiert etwa die Verlage, die im Internet nicht gut aufgestellt sind. So wie Candover auf die Aktivitäten in England verweist, richtet Apax den Blick auf die Beteiligung an der niederländischen PCM. Der Zeitungsverlag, der die nationalen Qualitätstitel „Trouw“ und „de Volkskrant“ herausgibt, plant für die weiterhin renommierte Abendzeitung „NRC Handelsblad“ eine zusätzliche Tabloid-Ausgabe, die von Februar an morgens erscheinen soll. Die sieben Lokalzeitungen hingegen teilen sich mittlerweile ihren Mantel mit dem „Allgemeen Dagblad“. „Ich sehe keinen Nachteil darin, wenn mehrere Zeitungen denselben nationalen Mantel haben“, sagt Stahl.

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