Wirtschaft : Dresdner Bank ehrt mutmaßlichen Steuersünder

ROLF OBERTREIS

FRANKFURT (MAIN) .Mit dem Amtsantritt von Bernhard Walter Anfang 1998 sollte ein Schlußstrich gezogen werden.Die Dresdner Bank wollte raus aus den Schlagzeilen, die durch die Ermittlungen gegen einzelne Vorstandsmitglieder wegen Steuerhinterziehung aufgekommen waren.Zwei Ex-Vorstände hatten zugegeben, mehrere hunderttausend DM am Fiskus vorbeigeschleust zu haben.Auch der Aufsichtsratsvorsitzende und Ex-Vorstandssprecher Wolfgang Röller geriet ins Visier der Fahnder.Er wies die Anschuldigungen zurück, zeigte aber Größe und trat zurück, um die Bank vor Schaden zu bewahren.Der damalige Vorstandschef Jürgen Sarrazin stellte sich weiter stur vor seine Kollegen.Als die Vergehen nicht mehr zu kaschieren waren, mußte auch er gehen.

Der neue Chef Bernhard Walter sah die Chance für einen Neuanfang, beschwor ein neues Wir-Gefühl, versprach mehr Offenheit des Vorstandes nach innen und außen.Er berief eine neue Presse- und Kommunikationschefin.Aber neun Monate nach seinem Amtsantritt ist vom Neuanfang nicht mehr viel zu spüren.Der Gipfel dieser Entwicklung ist die Ernennung von Wolfgang Röller zum Ehrenvorsitzenden des Aufsichtrates - obwohl gegen ihn immer noch wegen Steuervergehen ermittelt wird.Einstimmig hat der Aufsichtsrat Anfang der Woche Röller auf Vorschlag des Vorstandes zum Ehrenamt verholfen.In wenigen Minuten, ohne jede Diskussion.Auch die Arbeitnehmervertreter haben die Hand gehoben.Der Vorstand soll "glaubhaft" dargestellt haben, daß an den Vorwürfen nichts dran sei.Walter hat angeblich sogar "Druck" ausgeübt.Röller sollte unbedingt geehrt werden.Mitarbeiter der Bank, auch Manager aus den oberen Etagen, schütteln den Kopf."Ein Unding", schimpft einer.

Nun ist unbestritten, daß Röller sehr viel für die Bank getan hat.Die Steuerermittlungen allerdings werfen einen dunklen Schatten auf sein Ansehen.Wenn die Vorwürfe wirklich haltlos sind, hätte man Röller auch nach Einstellung der Ermittlungen ehren können.Dies hätte keinen faden Beigeschmack gehabt.

Die Dresdner Bank droht nicht nur deshalb wieder in ihre alte Selbstherrlichkeit zurückzufallen.Von der neuen Offenheit ist wenig zu spüren, immer noch werden selbst einfache Fragen nicht beantwortet.Auch mit der Aufarbeitung ihrer Nazi-Vergangenheit läßt sich die Bank viel Zeit.Sarrazin hatte dies blockiert.Walter hat zwar das Hannah-Arendt-Institut in Dresden schon im Dezember mit einer Untersuchung beauftragt.Bis heute liegen aber nicht einmal Zwischenergebnisse vor.

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