Duales Ausbildungssystem : Tempelhof als Vorbild für Birma

Birmas Oppositionspolitikerin Aung San Suu Kyi lässt sich in Berlin das duale System erläutern. Die Friedensnobelpreisträgerin hofft auf deutsche Investoren in ihrem Heimatland.

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Ein fröhliches neues Jahr! In Yangon, der Hauptstadt Birmas, feierten die Menschen am Sonntag mit einem Wasserfest den Beginn des Jahres.
Ein fröhliches neues Jahr! In Yangon, der Hauptstadt Birmas, feierten die Menschen am Sonntag mit einem Wasserfest den Beginn des...Foto: AFP

Wie ein Tentakel eines riesigen orangefarbenen Tintenfisches tastet sich der Ausleger langsam zu der meterlangen Platte vor. Der Ausleger senkt sich, dann fräst er mit seiner Spitze Muster auf die Platte, die waagerecht aufliegt. Es sind unregelmäßige Muster, sie sehen aus wie zufällig komponiert, doch jede Bewegung ist minutiös geplant und programmiert. Die Platte ist für ein Museum, die Muster sind künstlerische Vorgaben, da sind die Ansprüche besonders hoch. Die Millimeterarbeit leistet ein Spezial-Roboter, der bei der Artis GmbH in Berlin-Tempelhof steht.

Die hochmoderne Anlage ist einer der Gründe, weswegen am heutigen Montag Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi aus Birma diesen Betrieb besichtigt. Hier will sie sich über das duale Ausbildungssystem informieren. Den Besuch hat unter anderem die Handwerkskammer Berlin vermittelt. Henning Paulmann, bei der Kammer zuständig für nationale und internationale Weiterbildung, sagt: „Diese Firma ist sehr gut ausgestattet, hat internationale Kontakte, eine sehr gute interne Fortbildung, und vor allem verbindet sie die Betriebsformen von Mittelstand und Handwerk.“ Damit habe sie ähnliche Bedingungen, wie sie in Birma zu finden seien. Artis beschäftigt 30 Mitarbeiter.

Was Paulmann mit der Symbiose von Mittelstand und Handwerk nun genau meint, das weiß Wolf Deiß, einer der Geschäftsführer der Artis GmbH zwar nicht so genau, aber dass sein Betrieb nun alles andere als eine Tischler-Bude ist, das wird schnell klar. Der Kern von Artis ist zwar die Tischlerei, aber die Firma erledigt hochkomplexe Aufgaben. Sie richtet komplette Messestände auf hohem Niveau ein oder stattet auch mal eine Arztpraxis mit hochwertigem Interieur aus. Vier Auszubildende arbeiten bei Artis, eingebettet ins duale Ausbildungssystem, für das sich die Nobelpreisträgerin interessiert.

Jahrzehntelang war Birma abgeschottet

Denn die Entwicklung in ihrer Heimat geht rasend schnell. Jahrzehntelang war Birma – das von der ehemaligen Junta in Myanmar umbenannt wurde – abgeschottet, plötzlich aber tat sich mit der überraschenden politischen Öffnung ab 2011 eine Tür auf. In der Hafenstadt Yangon herrschte rasch Goldgräberstimmung, das Land mit seiner jungen Bevölkerung und vielfältigen Rohstoffen lockt mit großem Entwicklungspotenzial.

Viele asiatische Nachbarn waren schnell im Geschäft, die deutsche Wirtschaft hat sich zunächst zurückgehalten. Das Handelsvolumen mit Deutschland war mit 182 Millionen Euro im vergangenen Jahr recht überschaubar. Derzeit sind nur 30 deutsche Unternehmen dort registriert. Offenbar warten viele ab, wie es politisch weitergeht.

Inzwischen versuchen deutsche Unternehmen gezielt, engere Kontakte zu knüpfen Die Entwicklung gehe wegen der technischen und infrastrukturellen Voraussetzungen in Richtung Leichtindustrie und sei momentan „ganz gesund“, sagt Daniel Marek, Asean-Regionalmanager beim Ostasiatischen Verein (OAV). Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen liegt bei 900 US-Dollar, nur ein Viertel der Bevölkerung hat Strom.

Die Möglichkeiten für Auslandsinvestitionen in Birma wurden inzwischen erleichtert, in einigen Bereichen sind aber nur Joint-Ventures erlaubt, so in der Bauindustrie und im Transportwesen. Aus Birma hört Marek oft, dass man sich mehr deutsches Engagement wünsche. Im Februar eröffnete Bundespräsident Joachim Gauck ein Delegiertenbüro der deutschen Wirtschaft in Yangon.

Oppositionsführerin Kyi gilt als Favoritin auf das Präsidentenamt

Der Besuch bei Artis ist Teil des Vorhabens, die Beziehungen zwischen beiden Ländern auszubauen. Oppositionsführerin Suu Kyi, in der viele die nächste Präsidentin sehen, tritt am letzten Tag ihres Besuchs auch beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag auf. Sie hatte am Freitag in einer Rede ausdrücklich die Bedeutung der Bildung für die Entwicklung ihres Landes hervorgehoben. Nach ihrer Ansicht sind die Auslandsinvestitionen in Birma „sehr viel geringer, als die Regierung erwartet hat“, ergänzte sie auf einer Pressekonferenz am Samstag. Für Investoren sei Vertrauen in die Zukunft des Landes ausschlaggebend, das fehle aber. Geschäftsleuten sei wichtig, dass es ein Gesetz zur Sicherung von Auslandsinvestitionen gebe, aber vor allem, dass es auch durchgesetzt werde. In dieser Hinsicht gebe es noch Hindernisse. Sie sprach dabei generell von Auslandsinvestitionen, nicht allein von deutschen. Nach ihren Worten existiert in Birma bisher keine Rechtsstaatlichkeit.

„Der Reformprozess in dem südostasiatischen Land eröffnet der deutschen Wirtschaft Chancen im Projektgeschäft und der Zulieferung, insbesondere in den Bereichen Infrastruktur, Energie und Bauwirtschaft sowie beim Aufbau der Industrieproduktion“, sagte DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier dem Tagesspiegel. Die deutschen Firmen wollen auch mit ihrer Expertise im Bereich der dualen Berufsausbildung punkten, die als ein Baustein dafür gilt, dass die Jugendarbeitslosigkeit selbst in der Krise nur moderat stieg. Deutsche Firmen könnten mit ihrem Modell, adaptiert an die Gegebenheiten in Birma, mit gutem Beispiel vorangehen, denkt man beim DIHK.

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