Duales Studium : Vom Hörsaal auf die Baustelle

Immer mehr junge Menschen entscheiden sich für ein Studium mit Praxisbezug. Fast 1000 duale Angebote gibt es inzwischen bundesweit – doch nicht für jeden sind sie geeignet.

von
Gefragte Ausbildung. Foto: ddp
Gefragte Ausbildung.Foto: ddp

Jan-Uwe Dahnke hat sich dafür entschieden. Er studiert International Business Administration, einen dualen Studiengang an der Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) Berlin, der auf Führungspositionen in Unternehmen vorbereitet. Gerade hat er knapp drei Monate Praxis hinter sich. In der Marketingabteilung eines Pharmaunternehmens hat er anstatt Lehrbücher zu wälzen Terminpläne erstellt, die Abläufe vor dem Produktstart eines neuen Medikaments organisiert und Bedarfsprüfungen vorgenommen. Nun steht der nächste Theorieblock an der Hochschule bevor.

„Wir sind perfekt auf den späteren Berufsalltag vorbereitet“, sagt der 24-Jährige, „dafür müssen wir aber auch ein enormes Pensum erfüllen.“

Dahnke ist einer von 2030 Studierenden der HWR, die sich für ein duales Studium eingeschrieben haben, das betriebliche Praxis und akademische Lehre verbindet. Die Studierenden arbeiten zur Hälfte in einem Partnerunternehmen der Hochschule und verbringen die andere an der HWR. Nach etwa zehn bis zwölf Wochen Unterricht kommen drei Monate Berufspraxis.

Sowohl bei Studenten als auch bei den Unternehmen wird das Modell immer beliebter: 40 000 Betriebe – und damit fast doppelt so viele wie noch vor fünf Jahren – bieten in Kooperation mit Hochschulen duales Studieren an. Die Zahl der Studiengänge wuchs laut Bundesinstitut für Berufsbildung (Bibb) von 666 im Jahre 2007 auf 929 im vergangenen Jahr. Und auch die Nachfrage ist enorm gestiegen: Über 61 000 Studierende praktizieren das Modell, die Zuwachsquote lag in den vergangenen Jahren bei zehn bis zwölf Prozent. In einigen Fachrichtungen müssen Bewerber mit über 100 Konkurrenten rechnen.

Dual studieren kann man auf zwei verschiedene Weisen. Das weitaus gängigere Modell ist die Kombination von theoretischem Studium und betrieblicher Ausbildung, das mit zwei Abschlüssen endet: Man wird etwa zum Maschinenbauer ausgebildet und erwirbt gleichzeitig an der Hochschule den Bachelor-Abschluss des Fachbereichs. So ist es auch an der HWR üblich. Beim zweiten Modell ist der Praxisanteil eher im Sinne eines Praktikums gestaltet und es gibt nur ein Abschlusszeugnis, das der Hochschule.

Noch wird das duale Studium vorrangig in technischen Berufen (Maschinenbau, Elektrotechnik), in Betriebswirtschaftslehre sowie in den Gesundheitsberufen genutzt. Einige Bundesländer, zum Beispiel Baden-Württemberg und Hessen, haben inzwischen eigene Hochschulen für duale Studiengänge. In Berlin ist die HWR der größte Anbieter in diesem Bereich. Darüber hinaus gibt es zahlreiche weitere wie die Beuth Hochschule für Technik, die FOM Hochschule für Ökonomie & Management, die Alice Salomon Hochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik oder die Evangelische Fachhochschule.

„Wer sich sicher ist, in welchem Berufsfeld und für welche Art von Unternehmen er tätig sein will, für den ist das Modell ideal“, sagt der Student Dahnke.

Das Bewerbungsverfahren variiert von Hochschule zu Hochschule. Meist führt der Weg über die Partnerunternehmen, bei denen man sich bewirbt. Dahnke hat eine knappe handvoll Firmen angeschrieben und ist von einem pharmazeutischen Unternehmen genommen worden. Man kann jedoch auch selbst eine Firma auswählen und diese vom dualen Studium überzeugen – die Fachhochschulen und Hochschulen begrüßen das zumeist.

Die Voraussetzungen für das duale Studium sind ebenfalls sehr unterschiedlich. In Berlin ist das Abitur beziehungsweise die Fachhochschulreife die Regel. An der HWR muss man zusätzliche Anforderungen erfüllen (siehe Kasten). An der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) dagegen kann man sich auch über die berufliche Praxis oder fachliche Fortbildungen qualifizieren.

Dahnke, der zuvor bereits einen Bachelor in Politikwissenschaft an der Uni abgeschlossen hat, ist mit seinem Zweitstudium glücklicher: „Hier finde ich genau den Praxisbezug, der mir vorher gefehlt hat“, sagt er. „Das Gelernte direkt umsetzen zu können, das ist der Riesenvorteil des dualen Studierens.“ Wer allerdings den Forschungsgedanken und die Wissenschaftlichkeit schätzt, sollte sich besser nach einem regulären Studium umsehen. „Duales Studieren ist natürlich sehr bedarfsorientiert“, sagt Jochen Goeser vom BIBB, „für die kritische Forschung eignet es sich nur bedingt.“

Von Seiten vieler Universitäten wird das duale Studium wegen der Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit durch die zu enge Bindung an die Unternehmen kritisiert. Das dürfte auch ein Grund sein, warum Unis das Modell scheuen: Nur ein Prozent der dual Studierenden wird an Universitäten ausgebildet, das Gros an Hochschulen und Fachhochschulen.

Das duale Studium existiert bereits seit den 1970er Jahren. Lange hatte es mit einem schlechten Ruf zu kämpfen: Zum einen, weil es bis 2009 zu keinem anerkannten akademischen Abschluss führte, zum anderen, weil es als Studium für jene galt, denen das gängige Hochschulstudium zu schwer war. Diese Zeiten aber sind definitiv vorbei. Das belegt auch eine Untersuchung von Wissenschaftlern der Universität Tübingen. Demnach haben an der DH Baden-Württemberg die Studierenden im Mittel einen besseren Abiturdurchschnitt als ihre Kommilitonen an den Universitäten des Bundeslandes.

Nach dem Theorieblock an der Hochschule steht dem HWR-Studenten Dahnke ein Auslandssemester in Rom bevor. In einem Jahr will er seinen Abschluss machen. „Und dann will ich direkt eine Stelle bekommen“, sagt er.

Tatsächlich stehen die Chancen dafür nicht schlecht. Laut Bibb sind die Übernahmemöglichkeiten nach einem dualen Studium derzeit sehr gut, genaue Zahlen sollen in Kürze veröffentlicht werden.

Doch Dahnke denkt in seiner Karriereplanung weiter. „Ich würde gerne irgendwann einmal eine eigene Unternehmensberatung für kleine und mittelständische Firmen aufbauen“, sagt er. In zehn Jahren kann er sich das gut vorstellen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar