Wirtschaft : Duft des Grauens

Professionelle Aromahersteller verdienen mit dem Geruch von Mumien und Schützengräben viel Geld

Gautam Naik Kirkham

Vor zwei Jahren erhielt Frank Knight vom Stockholmer Stadtmuseum einen ungewöhnlichen Auftrag: Er sollte für eine Ausstellung den Geruch einer ägyptischen Mumie kreieren. Knight, der aber nur eine kleine Nummer im Geschäft mit Geruchsaromen ist, wusste kaum etwas über Mumien. Also forschte er im Internet nach den Substanzen, die die Ägypter zum Einbalsamieren verwendeten, mixte alles zusammen und fügte noch ein paar andere Aromen hinzu. Das Resultat roch widerlich. „Es war ein unheimlicher Geruch, und meiner Frau gefiel er überhaupt nicht“, sagt Knight, der mit seiner kleinen Firma eigenartige Gerüche mit noch eigenartigeren Namen herstellt.

Die Nachfrage nach sonderbaren Gerüchen steigt. In immer mehr Kaufhäusern und Ausstellungen sollen die Aromen das Umfeld der Präsentationen realistischer machen. Das britische Reisebüro Lunn Polly zum Beispiel, lässt in seinen Geschäften ein von Knight entworfenes Kokosnussaroma verdampfen. „Die Kunden reagieren sofort, weil sie sich an Sonnencreme und tropische Urlaubsgebiete erinnert fühlen“, sagt ein Sprecher des Reiseunternehmens. In Orlando, Florida, nutzt dagegen ein Krankenhaus ein Kokosnussaroma, um die Röntgen- und Diagnostikabteilung in die Duftstimmung „Meeresbrise“ zu versetzen. Der Trick wirke bereits und verringere die Anzahl der Terminabsagen, sagt die Krankenhausleitung. Einer der größten Hersteller von Geschmacksstoffen und Duftaromen ist das New Yorker Unternehmen International Flavors&Fragrances. Für eine Wissenschaftsausstellung über außerirdisches Leben soll das Unternehmen jetzt den Geruch von Meteoriten nachstellen.

Es gibt kein chemisches Standardrezept für Knights abseitige Aromen wie etwa die Duftrichtung „Sport-Umkleidekabine“, die er über das Internet vertreibt, oder „Atem des Drachens“. Wie andere Duftunternehmer muss er viel experimentieren und auf einen Treffer hoffen. Zunächst versucht er, für eine dominante Duftnote die entsprechenden Chemikalien zu finden und dann durch Zugabe von anderen Aromen den gewünschten Geruch entstehen zu lassen. „Es ist ein wenig Wissenschaft und ein wenig Kunst“, sagt Simon Harrop, Geschäftsführer beim englischen Unternehmen Aroma Co. in Oxfordshire. Die Firma stellt unter anderem die Duftnote „Neuwagen“ her, die der britische Autobauer Vauxhall beim Verkauf von gebrauchten Autos einsetzt. Andere Aufträge waren die Kreation eines künstlichen Marihuana-Aromas, das auf einer Party zum Einsatz kam, sowie die Herstellung des Duftes „Menschliches Opfer“ für eine Ödipus-Theateraufführung.

Scent-Air-Technologies ist eine kalifornische Firma, die Düfte wie „Maschinenöl“ oder „Regenwald“ im Programm hat. Besonders gelungen war nach Ansicht ihrer Direktorin Pamela Knock ein Aroma, das für ein Geisterhaus im Universal-Freizeitpark in Orlando entworfen wurde und „Dämonische Zuckerwatte“ heißt. Ein leichter Anflug von sauer Eingelegtem ist es, was dem Geruch die „besonders dämonische Note verleiht“, sagt Knock stolz.

Dale Air, die Firma des 58-jährigen Knight, ist eine eher bescheidene Unternehmung. Knight kümmert sich ums Duft-Design und seine Frau führt mit einem weiteren Mitarbeiter das Büro. Die Aufträge kommen meist über Mundpropaganda. Auf der Angebotsliste stehen 300 Düfte, die sich überwiegend für 129 Euro pro Liter verkaufen. Einige teure Ausnahmen, wie das für eine Ausstellung erstellte Weihrauch-Aroma, können bis zur 380 Euro kosten. Vor einigen Wochen trugen ihm ein Zoo in England und ein Künstler unabhängig voneinander den Entwurf eines Leichengeruchs an. Abermals fand Knight im Internet, welche Stoffe bei der Verwesung hervortreten und bestellte sich die entsprechenden Chemikalien. Doch auch nach ausgiebigen Versuchen mit Schwefelgasen und anderen Stoffen ist er mit dem Ergebnis nicht zufrieden. „Das ist es noch nicht“, sagt er mit einem Seufzen. „Ich werde wohl eine Leichenhalle besuchen müssen, um den Verwesungsgeruch herauszufinden.“ Über seine Rezepte verrät Knight nichts. Als er eine Flasche mit dem Etikett „Japanischer Kriegsgefangener“ in die Hände nimmt, sagt er nur: „Hier vereint sich der Duft der Tropen mit dem Geruch von Schweißfüßen.“ Mehr sagt er nicht. „Das wäre, als ob sie Coca-Cola fragen, was in deren Getränken ist.“

Knight, ehemaliger Versicherungsverkäufer, ist zufällig in das Geschäft mit den nachgebauten Düften geraten. Nach einer kurzen Karriere als Verkäufer von Lufterfrischern für die Firma Dale Air kaufte er 1999 das Unternehmen, das sich bis dahin nur nebenbei mit den besonderen Geruchsthemen befasst hat. Ein langjähriger Kunde ist das Jorvik Viking Center in der englischen Stadt York, das auf den Resten einer Wikingersiedlung aus dem zehnten Jahrhundert steht. Bei den Ausgrabungen in den siebziger Jahren schlugen den Archäologen die tausend Jahre alten Gerüche von Haushaltsresten und Pferdemist „mit voller Wucht entgegen“, erinnert sich der damalige Ausgrabungsleiter Richard Hall. Heute gibt es hier ein Wikingermuseum. Besucher reisen in einem „Zeitmobil“ an verschiedenen Alltagsszenen aus der Wikingerzeit vorbei, die von den Gerüchen aus dem Hause Dale Air untermalt werden. Die Aromen werden zum Beispiel zu den Themen Schlächter, Fischhändler und Latrine versprüht. „Es ist eine imposante Seh-Riech-Erfahrung“, sagt Hall. Knights Verkaufsschlager hat mit Wikingern wenig zu tun. Es ist eine Substanz, an die er sich selbst nur mit Schutzkittel und Latexhandschuhen herantraut. Der Geruch wird in einer Ausstellung im Londoner Militärmuseum verwendet. Dort verleiht er einem Exponat über die Schützengräben-Schlachten schauerliche Realität.

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