Wirtschaft : Durch die Hintertür

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In den USA wissen gewiefte Rechtsanwälte schon lange, wo sie eine Klage einzureichen haben, damit sie besonders aussichtsreich ist. Die Jagd nach Gerichten, die den Kläger möglichst wohlwollend behandeln, hat sich zu einem regelrechten JustizTourismus entwickelt. Eine Gruppe von besonders findigen Anwälten aus den USA treibt das Spiel jetzt auf die Spitze: Für ein Unglück, das sich in Österreich ereignete, verklagen sie die beteiligten Firmen aus Deutschland und Österreich vor einem US-Gericht. In der vor dem Bezirksgericht von New York eingereichten Sammelklage verlangen Angehörige von Opfern des Bergbahn-Unglücks vom 11. November 2000 Schadenersatz. Damals waren beim Brand eines Bergbahn-Waggons in den österreichischen Alpen 155 Skifahrer ums Leben gekommen. Das Strafverfahren in Österreich gegen 16 Personen führte nach 20 Monaten zu Freisprüchen. Richter Manfred Seiss konnte ein strafbares Verhalten der Beschuldigten nicht feststellen. Auch in Österreich gehen die Angehörigen zivilrechtlich gegen die Verantwortlichen vor. Doch wegen des schleppenden Prozesses vor dem Strafgericht kamen auch diese Klagen nicht voran. Von den 155 Familien lassen sich 117 jetzt in der New Yorker Sammelklage vertreten. Ausschlaggebend dürften die Vorteile sein, die das amerikanische Rechtssystem für die Kläger bereithält: Zunächst gibt es die Prozessform der Sammelklage in Europa nicht. Außerdem lassen sich die amerikanischen Anwälte nur für den Erfolgsfall entlohnen und erhalten dann einen Teil der zugesprochenen Ersatzzahlungen. Vor allem aber sind die in Europa zugesprochenen Schadenssummen lächerlich im Vergleich mit den Millionenbeträgen in US-Urteilen. Alles was es braucht, damit sich ein US-Gericht mit einem Unfall in Europa beschäftigt, ist, dass es auch amerikanische Opfer gab und dass die Beteiligten Firmen auch auf dem US-Markt aktiv sind. Solange das amerikanische Recht solche Verlockungen bietet, werden die Europäer ihre Chancen vor den US-Gerichten suchen. Das amerikanische Recht erobert Europa dabei durch die Hintertür.

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