Wirtschaft : Durchgangsstation Zeche

Lehrlinge im Bergbau planen den Firmenwechsel mit ein

Nils-Viktor Sorge

Kamp-Lintfort - Die jungen Männer lernen, die Kohle mit dem Walzenlader abzutragen, Hohlräume zu verfüllen und Rohstofflager zu erschließen. Insgesamt 256 angehende Bergmechaniker werden im Bergwerk West für den Abbau von Kohle ausgebildet. Das Bergwerk in Kamp-Lintfort ist das letzte von einst sieben am linken Niederrhein. Obwohl die Politik schon in den nächsten Tagen das endgültige Aus der Steinkohleförderung in Deutschland beschließen könnte, ist die Lehre auf der Zeche beliebt: Mehr als 3000 junge Leute bildet die Deutsche Steinkohle AG (DSK) in zehn Berufen aus. Die Zahl der Anfragen ist zuletzt sogar gestiegen. „Es kommen zehn Bewerber auf einen Ausbildungsplatz“, sagt Dieter Bosser, Ausbildungsleiter im Bergwerk West. Und das, obwohl die DSK im vergangenen Frühjahr keinen der 600 Absolventen übernehmen konnte.

Kritiker nennen dies unverantwortlich. „Wer nur für den Bergbau ausgebildet wird, muss damit rechnen, sich später umschulen lassen zu müssen“, sagt Energieexperte Manuel Frondel vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung. Die DSK plustere sich mit ihrem Heer an Azubis auf, um als unentbehrlich zu gelten. DSK-Ausbildungsleiter Norbert Kokert entgegnet, die Zahl der Ausbildungsplätze für Bergmechaniker sei rückläufig. Und sollte in Berlin ein dauerhafter Rest-Bergbau vereinbart werden, würden die Auszubildenden gebraucht. „Wir haben auch eine soziale Verantwortung und bilden deshalb mehr aus als andere Betriebe.“ An Niederrhein und Ruhr hätten viele junge Leute kaum Alternativen.

Dass die angehenden Kumpel bis zur Rente im Steinkohlebergbau beschäftigt sein werden, wie noch manche Väter und Großväter, ist jedoch fast ausgeschlossen. Bosser wurde Ende der 70er Jahre nach seiner Lehre noch mit 5000 Mark Bleibeprämie im Betrieb gehalten.

Besser sieht es für David Grün und Christian Paul aus. Sie wollen Ingenieure werden, die Ausbildung im Bergwerk zum Elektroniker für Betriebstechnik ist wohl nur Durchgangsstation. Mit Fachabitur, Ausbildung und späterem Ingenieurstitel hätten sie gute Chancen, in anderen Branchen einen Job zu finden. Derzeit bereiten sie sich erst mal auf den Einsatz fast 1000 Meter unter der Erdoberfläche vor – wo sie die Energieversorgung der Fördermaschinen kontrollieren und die Stromleitungen auf 123 Kilometer Länge in den Schächten sicherstellen. „Mit ,Glückauf‘ zu grüßen, war zuerst etwas komisch“, sagt der 24-jährige Paul, der aus Aachen an den Niederrhein gekommen ist. Wie er kann sich auch der drei Jahre jüngere Grün vorstellen, später wieder auf der Zeche zu arbeiten – „wenn es dann hier noch Bergbau gibt“.

Das drohende Ende der Branche ist in Kamp-Lintfort allgegenwärtig. Auf dem Gang zwischen Umkleiden und Ausgang hängen Zettel zum Mitnehmen: Stellenangebote fremder Firmen. Manche Broschüre legt den Kumpels nahe auszuwandern und bei Bergwerken auf anderen Kontinenten anzuheuern. „Nur zum Urlaub machen ist Australien doch viel zu schade“, heißt es auf einer. Die DSK dagegen muss ihre Belegschaft ständig reduzieren, weil der Staat die Subventionen zurückfährt. Die Zettel sind eine Hilfe für die Mitarbeiter. „Kein Bergmann soll ins Bergfreie fallen“, heißt hier ein geflügeltes Wort. Wie sehr sich die Azubis darauf verlassen können, ist noch unklar. Einen Anschlussvertrag über zehn Monate sollen die meisten diesmal bekommen. Einer sieht das pragmatisch: „Das Geld nehme ich gerne mit, bevor ich studiere.“

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