Wirtschaft : Duty-free-Oase auf der Oder

NANA BRINK

In Gartz, einer 3000-Einwohner-Gemeinde, 15 Kilometer nördlich von Schwedt, herrscht jedes Wochenende Hochbetrieb.Über das Kopfsteinpflaster der Kommune an der polnischen Oder-Grenze rumpeln Dutzende von Autos, viele mit Berliner Kennzeichen.Binnen eines Jahres hat es der verschlafene Flecken zu einem regen Geschäftsleben gebracht.Und das wegen eines drohenden Verbots: Am 30.Juni diesen Jahres soll das lukrative Duty-Free-Geschäft innerhalb der EU ein Ende finden.Weil die Oder aber eine EU-Außengrenze ist, sind ein paar der Butterfahrtschiffer nun dabei, den deutsch-polnischen Grenzstrom als Duty-Free-Paradies zu erschließen.

Seit einem Jahr erlaubt das deutsche Zollgesetz den Duty-Free-Verkauf auf Binnengewässern.Danach ist der Erwerb zollfreier Waren gestattet, wenn die zuvor aus Deutschland in ein Nicht-EU-Land ausgeführt wurden.Und deshalb läßt die norddeutsche Insel- und Halligreederei Sven Paulsen auf Sylt seit dem vergangenen Frühling das Fahrgastschiff "Adler Steamer" auf der Oder von Gartz ins zehn Kilometer entfernte Gryfino tuckern.

Die Reeder haben ein rentables Geschäft aufgetan, das wenig Aufwand erfordert.Als Hafen dient ein ehemaliger Kohlenlagerplatz an einem Seitenarm der Oder.Auf dem Hof fallen die alten Schuppen in sich zusammen, nur für das Büro wurde ein Häuschen notdürftig renoviert.In einer Holzbude vor dem provisorischen Landungssteg werden die Karten verkauft.Drei DM pro Person kostet die Fahrt.Zur letzten Tour um 16 Uhr ist man sogar für nur eine Mark dabei.

Schon morgens stehen die Menschen Schlange am Landungssteg.Neben deutschen Familien und Rentnern sind auch viele polnische Besucher dabei, denn die Reederei wirbt mit dem Slogan: "Billiger als in Polen" für ihre Touren.Die Schnapsjäger wissen genau, was sie wollen: "Eine Stange F6 und Goldkrone, der einzig gute Schnaps aus DDR-Zeiten", verlangt der ältere Mann im Trainingsanzug.Goldkrone ist der Renner, wie überhaupt deutsche Erzeugnisse besser gehen als die ausländischen.Und Butter darf natürlich nicht fehlen.Einen Liter hochprozentigen Alkohol und zwei Flaschen Wein darf jeder Erwachsene ausführen, dazu 200 Zigaretten oder 100 Zigarillos.Viele schleppen mehr mit.

"Von zehn schnappen wir einen, vor allem im Winter, wenn so manche Zigarettenstange unter dicken Jacken verschwindet", schätzen die beiden Zollsekretäre Marco B.und Alexander H., die mit den Kollegen vom Bundesgrenzschutz in einem ungemütlichen Büro-Container Dienst schieben.Fünfmal am Tag kontrollieren die Beamten des Hauptzollamtes Schwedt die Taschen der Ausflügler und müssen sich bisweilen von angetrunkenen Zollsündern einiges anhören: "Da wird man schon mal als Stasi beschimpft."

Schon nach einer halben Stunde findet der erste Einkaufsrausch ein Ende, der Supermarkt muß schließen.Sanft geht die "Adler Steamer" in Gryfino an einem Kohlenschlepper längsseits.Kapitän Wazlav Muer wickelt die Geschäfte mit den polnischen Zöllnern ab.In zehn Minuten sind die Türen zum Supermarkt verplombt.Der Kapitän legt Papiere vor, die belegen, wieviele Passagiere an Bord sind und welchen Bestand der Supermarkt hat.Im Gegenzug erhält er die polnische Anlegebestätigung, ohne die der Duty-Free-Deal nicht funktioniert.Um dem deutschen Zollgesetz Genüge zu tun, steuert Muer nun in polnische Gewässer, dreht bei Stromkilometer 17 eine Schleife und fährt zurück nach Gryfino.

Wieder kommen die polnischen Zöllner an Bord und kappen die Plomben.Wenn der Dampfer den Zollanleger verlassen hat, darf der Supermarkt wieder öffnen.Schiffsführer Wazlav macht das fünfmal pro Tag, 23 Tage im Monat.25 Arbeitsplätze hat die Reederei Paulsen im uckermärkischen Gartz geschaffen, viel für die Region mit der höchsten Arbeitslosigkeit in Brandenburg.

Dem boomenden Geschäft steht nur eins im Wege: Ohne Zollbeamte kann es kein Duty Free auf der Oder geben.Bislang aber gibt es nur für Gartz und dem weiter nördlich gelegenen Mescherin die Genehmigung des Hauptzollamtes Schwedt.

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